Ein alter Zopf

Ein alter Zopf

© Patricia Koelle

Das würde sie nie schaffen! Nita fuhr sich durch die kurzen silbrigen Haare, wischte die Spinnweben fort, die zusammen mit neuen Zweifeln immer wieder aus den dunklen Kellerecken in ihre Ohren gerieten und an ihrer Stirn kleben blieben. Wie kam sie nur dazu, ihr bisheriges Leben zusammen mit diesen Kartons zu entsorgen und woanders einen Traum zu beginnen? Und das, obwohl sie selbst entsorgt worden war, in den Vorruhestand geschickt weil es keinen Platz mehr für sie gab.

Sollte sie nicht doch die Kündigung der Wohnung zurücknehmen, das Vorkaufsrecht für das winzige Haus an der fernen Küste ebenso, und alles lassen wie es war? In den Kartons, die zum Teil aus dem Haus ihrer längst verstorbenen Eltern stammten und inzwischen nach den alternden Kartoffeln im Nachbarkeller rochen, schien sich von einer Brieföffnersammlung bis hin zu Schuhlöffeln alles zu befinden – außer dem Mut, den sie gebraucht hätte.

Unter einer Zigarrenkiste voller Papierflugzeuge stieß sie auf eine längliche Schachtel mit Goldaufdruck. „Juwelier Huber, Fontanestraße“ stand darauf. „Eine Perlenkette?“, dachte Nita, die sich dunkel daran erinnerte, wie ihre Mutter an Festtagen eine solche andächtig aus einer ähnlichen Schachtel gehoben hatte. Sie öffnete den Deckel. Zwischen raschelndem Seidenpapier ruhte etwas Längliches, das sie im Dämmerlicht nicht gleich erkannte. Nita nahm es in die Hand. Seidig fühlte es sich an, weich und fest zugleich, leicht und schwer, fremd und vertraut. Erschütternd vertraut! Sie schloss die Augen und stand von einem Atemzug zum anderen barfuß im Sommergras.

Der Wind weht ihr neues Kleid um ihre Knie, ein Kleid federleicht und ausgelassen wie Schmetterlingsflügel, ein Kleid mit Rüschen und einer Wiese aus Mohnblüten und Kornblumen darauf, ein Kleid aus Träumen und Zukunft, das Kleid einer Prinzessin. Und Prinzessin ist sie, fünfjährig: die Welt liegt ihr zu Füßen, reicht bis an den weinüberwucherten Gartenzaun und unendlich weit darüber hinaus bis zu sämtlichen Geheimnissen, die das Leben kennt, nur Nita noch nicht. Sie ist sicher, dass sie mit den Schwalben sprechen könnte, die über ihr in das gewaltige Blau des Himmels pfeilschnelle Kringel zeichnen, wenn nicht heute, dann morgen, denn sie weiß, sie sind seelenverwandt. Der Klee duftet nach Honig zwischen ihren Zehen, und sie muss nur darauf achten, den Bienen aus dem Weg zu gehen. Die Bienen können stechen, doch sonst wartet alles auf sie, nur auf sie, gehört ihr, ist Teil von ihr, von den Ameisen, die ihr winzige abenteuerliche Wege zeigen, bis zu den Wipfeln der schiefen Weide, in der die Windgeister flüstern, nach ihr rufen, bis sie zu ihnen hinaufklettert und atemlos auf der rauen Rinde hockt, hoch über der regenfeuchten Erde, der großartigen, schimmernden, bewegten, flüsternden, singenden endlosen Welt. Die himmelblaue Schleife bleibt an einem Zweig hängen. Ihre Haare lösen sich aus ihrem Zopf, mischen sich unter die Windgeister, fliegen und flüstern mit ihnen. Lang sind sie, so lang, dass Nita darauf sitzen kann, kindlich weich noch wie Pusteblumensamen, hell wie Sand und Honig, sonnenwarm. Haare, die nach Seife und nach Kindheit duften und den Wundern, um die Erwachsene nicht mehr wissen, Haare wie sie einer Prinzessin gebühren, die nicht auf den Gedanken kommt, dass man sich vor dem Leben fürchten könnte.

Eine Stimme ruft nach ihr. Unter der Weide steht ihr Vater, den kein Wind beugt, groß, fängt sie auf, sie weiß, dass er sie auffängt, springt ohne Zögern. Auf seinen Schultern darf sie ins Haus reiten, schlingt ihm ihre Haarsträhnen um die Ohren, eine rechts, eine links: das sind die Zügel, mit denen sie ihn steuert, auch wenn er es nicht bemerkt, denn seine Gedanken sind woanders, nicht in ihrer Welt. Sie ist nahe am Himmel auf Vaters Schultern, näher als in der Weide, die doch viel höher ist. Vater kennt sich aus mit dem Himmel. Manchmal, wenn die Sommernächte so warm sind, dass sie sich wie Tage anfühlen, holt er Nita aus dem Bett, aus ihrem Traum heraus in einen anderen. Sie trägt einen kurzen Schlafanzug und ihre offenen Haare, und er hält sie im Arm, bringt sie auf den Balkon, auf den der Mond einen Glanz wirft und ihr davon abgibt. Wie eine der Wolken fühlt sie sich, die er silbern macht, denn ihr Haar sieht genauso aus in seinem Licht und auch das Funkeln der Sterne fängt sich darin, bestimmt, sie spürt es. Vater hält sie hoch, so dass sie durch sein Fernrohr sehen kann, und Nitas Blick trifft den Planeten Saturn, der einen Ring trägt, und dann sieht sie dem Mond, auf dem es wasserlose Meere aus Dunkelheit gibt, direkt ins Gesicht. Das Schwarz in dem langen Rohr würde sie einsaugen und geradewegs in die Nacht schießen, wenn Vater sie nicht so festhielte.

Manchmal darf sie auch noch Partygäste begrüßen, ehe sie ins Bett muss. Dann tanzt ein Mann in einem feierlichen Anzug und Rasierwasserduft ein paar Schritte mit ihr, und es macht nichts, dass sie so klein ist, denn ihre Haare sind lang und fliegen um sie herum, und sie ist Prinzessin in ihrer Mitte und die Zukunft voller Versprechen.

Außer mit dem Gras und der Weide und dem Mond und dem Saturn und den Schwalben ist Nita auch mit dem Kirschbaum befreundet. Wenn er blüht, steht sie darunter und es schneit weiße Flocken Frühling auf ihr Haar, die darin hängen bleiben, so dass der Duft ihr folgt. Diese Flocken schmelzen nicht. Darum wird der Frühling ewig dauern.

Und doch: auf die Kirschblüte folgen Erdbeeren und reife Äpfel und Kastanien, schließlich sind es goldene Blätter, die sich in Nitas Haar verfangen; und bevor wieder Frühling ist, geschehen drei Dinge: Der Kirschbaum wird gefällt, man schneidet Nitas Zopf aus praktischen Gründen ab, und sie kommt in die Schule.

Dass der Zopf ab ist, findet Nita nicht schlimm. Es ist tatsächlich praktischer. Das Haar fesselt sie nicht mehr im Schlaf, keine Bürste beißt sich mehr hartnäckig darin fest, und kein Nachbarsjunge hängt es mehr in den Teich zu den Wasserkäfern. Außerdem ist die Schule ein Abenteuer, das die Wochen verschluckt, schneller als sie denken kann.

Nur als Prinzessin hat sie sich nie mehr gefühlt, wagte nie wieder, sich für schön zu halten.

Beinahe vielleicht, Jahrzehnte später, während ihrer Zeit mit Lucas. Mit ihm war Leben zwar nicht Frühling gewesen, doch Sommer: warmer, tiefer Sommer, und Nita fühlte sich wohl mit ihren kurzen, strubbeligen Haaren, in denen sich auf ihren glücklichen gemeinsamen Streifzügen die glänzenden Fäden des Altweibersommers niederließen als wären sie dort zuhause. Lucas aber war nun Teil der Erde unter der ausladenden Buche, die von ähnlichen Wesen war wie er und vom Friedhofshügel aus die Stadt überblickte, so wie Lucas stets den Überblick gehabt hatte.

Oben klingelte das Telefon …

Hier erfahren Sie, wie die Geschichte weitergeht → Patricia Koelle: Ein alter Zopf

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, haarige Geschichte, Haare, Patricia Koelle, Zopf

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