Ein komischer Vogel

Ein komischer Vogel

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: FrühlingsgeschichtenEs war Anfang Mai, ein kühler, bedeckter Tag, und der Campingplatz am See noch fast leer. An einer Seite stand ein verfrorener Wohnwagen, in dem sich nichts rührte. Am anderen Ende stellte Adrian Terplanter sorgfältig sein Zelt auf. Er breitete die Plane auf einer trockenen Fläche Heidekraut aus, zog die Teleskopstangen auseinander und schob sie exakt über Kreuz in die Laschen. Sie bogen sich wie von selbst, und schon stand die tarngrüne Kuppel. Früher war das alles komplizierter gewesen.
Ja, früher. In seiner Kinderzeit war es schwierig gewesen, ein Zelt aufzustellen. Damals hatte es noch nicht solche Materialien gegeben. Um sein modernes Zelt herum konnte eine Flut steigen, es blieb trotzdem dicht. Wenn man aber früher während eines Regenschauers das Dach von innen berührte, regnete es sofort durch.
Im Gegensatz dazu war jedoch das Leben einfach gewesen.
Heute stellte er das Zelt mit wenigen Handgriffen auf, dafür schien sein Leben unendlich kompliziert. Es regnete sozusagen überall durch. Sein Dasein bestand nur noch aus einem Leck neben dem anderen, und er wagte kaum, sich zu rühren.
Darum hatte er beschlossen, es zu beenden.
Er wunderte sich über sich selbst, warum er sich noch die Mühe machte, das Zelt so ordentlich aufzustellen. Das Moskitonetz am Eingang erschien ihm lächerlich. Mücken waren sein geringstes Problem. Wenn man tot ist, juckt es nicht.
Aber er war es gewohnt, grundsätzlich alles so ordentlich und richtig zu machen, wie es ihm möglich war.
Gereicht hatte es nicht. Seine Familie gab es schon lange nicht mehr. Den plötzlichen Herztod seiner Frau hatte er wohl nicht verschuldet, aber dass seine Tochter sich aus Kanada so selten meldete, dass sie ganz offensichtlich kein Interesse an ihm hatte, musste doch zu einem großen Teil an ihm liegen. Er hatte sie ja erzogen.
Mit ihnen war seine Freude an der Tischlereiwerkstatt verloren gegangen, als wäre sie ausgelöscht. Er hielt seine Werkzeuge ratlos in der Hand, als hätte er nie etwas damit anzufangen gewusst. Dabei waren Terplanters Truhen und Schreibpulte nach alten Vorbildern gefragt gewesen. Er selbst hatte in die Pulte und Sekretäre die beliebten Geheimfächer eingebaut, eines findiger als das andere. Der Betrieb lief gut, er konnte Leute einstellen. Doch nun hatte er alles an einen entfernten Cousin verkauft, bei dem die Werkstatt sicher in guten Händen war. Niemand musste entlassen werden, und Adrian hatte auch kein schlechtes Geschäft gemacht. Aber er fühlte sich, als hätte er versagt.
Das kleine Vermögen würde nun seine ferne Tochter erben, die nie Fragen an ihn hatte.
Er wollte nicht mehr denken. Gedanken hatte er sich genug gemacht. Sie hatten sich in endlosen Spiralen gedreht und in ewige Tage und Nächte gebohrt, bis ihm schwindelig war, ohne dass es etwas bewirkt hatte.
Ein Mann ging mit entschiedenen Schritten an ihm vorüber in Richtung des Wohnwagens, eine Zeitung unter dem Arm und ein Kuchenpaket in der Hand. „Guten Tag“, grüßte er fröhlich. „Eine herrliche Ruhe hier, was? In ein paar Wochen ist das ganz anders. Sie haben sich eine gute Zeit ausgesucht.“
„Guten Tag“, sagte Adrian höflich und distanziert.
Ja, die Zeit war richtig. Das Gefühl hatte er auch. Das Gleiche galt für den Ort, den er nach einer langen Autofahrt gefunden hatte. Etwas hatte ihn hierher gezogen.
Der tiefe See mit dem torfig schwarzen Wasser, der in der stillen, kargen Heidelandschaft den Himmel spiegelte, war genau, was er gesucht hatte.
Er goss sich Kaffee aus seiner Thermoskanne ein, setzte sich mit dem dampfenden Becher auf einen Stein am Ufer. Die warme Flüssigkeit tat ihm wohl. Es waren die kleinen, einfachen Dinge, die plötzlich eine große Bedeutung bekamen und einen Anflug von Glück in ihm weckten. Alles andere war unwichtig geworden. Er gönnte sich sogar ein zerdrücktes Karamellbonbon, das er in seiner Hosentasche gefunden hatte. Um seine Zähne brauchte er sich ja nun keine Gedanken mehr zu machen.
Ungläubig stellte er fest, dass er sich frei fühlte. Er konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal so leicht in ihm gewesen war. Fast als wäre er schon nicht mehr da.
Ein Fisch sprang nach einer Libelle, und Adrian beobachtete die Kreise, die sich an der Stelle ausbreiteten. Zu dem einen großen Kreis gesellten sich viele kleine, denn die Luft war schon den ganzen Tag regenschwer, und nun begann es zu nieseln. Adrian blieb sitzen. Was machte es, ob er nass wurde. Wenn er sich rührte, schlug er damit vielleicht den unerwarteten Frieden in die Flucht.
Er kannte sonst nur noch zwei Zustände. Der eine war die tonlose Leere, die sich in ihm ausbreitete wie Nebel, jede Empfindung auslöschte und nirgendwo aufhörte. Dann spürte er nichts mehr in sich außer einem fernen Erschrecken über sein Fremdsein. Wer ihm an solchen Tagen begegnete und in die Augen sah, dem lief ein Schauer über den Rücken und der ging rasch weiter, als könne etwas ansteckend wirken.
Dem Mann mit dem Kuchenpaket war es ähnlich ergangen, obwohl dies einer von Adrians besseren Tagen war. „Das scheint ein komischer Kauz zu sein“, sagte Ralf Hoffmann zu seiner Frau, als sie im Wohnwagen Mandelhörnchen kauten, um sich über den Regentag hinwegzutrösten. „Er sah unglaublich einsam aus. Glaubst du, wir sollten ihn einladen?“
„Der ist doch erst seit zwei Stunden hier. Lass ihn erst mal zur Ruhe kommen“, sagte Jela.
„Okay, vielleicht spreche ich ihn morgen beim Frühstück an“, sagte Ralf, den etwas an dem neuen Nachbarn unruhig machte. „Lass uns Karten spielen, bis der Regen aufhört. Könnte ein schöner Sonnenuntergang werden.“ Er kannte sich mit dem Wetter aus, denn sie kamen seit Jahren her. Sie führten ein fröhliches und volles Leben und suchten hier gelegentlich eine Atempause, um Zeit füreinander zu haben.
Tatsächlich verzog sich der Regen später nach Osten und dahinter flossen glühende Farben in die kühlklare Luft. Schwarze Wolkenränder leuchteten feurig orange und schwefelgelb. Halbverwehte Kondensstreifen von Flugzeugen schrieben silberne Zeilen in den Himmel.
Unglücklicherweise verscheuchten die kräftigen Farben die Ruhe aus Adrian, der immer noch auf dem Stein saß und immer noch keinen Hunger hatte. Ihr Brennen versetzte ihn in seinen zweiten gefürchteten Zustand, weckte die entsetzliche bohrende Traurigkeit, die aus einer Tiefe in ihm aufstieg, als käme sie von weit unter seinen Füßen, irgendwo aus dem Erdkern. Sie war so schwer, dass er sie nicht tragen konnte. Wie unerträgliche Zahnschmerzen zog sie sich durch jede Faser seines Körpers.
Er tastete nach der unangebrochenen Packung Schlaftabletten in seiner Tasche. Morgen, dachte er, morgen würde er endlich seinen Frieden finden.
Heute war er zu müde. Zu müde um sich umzubringen. Plötzlich lächelte er über sich selbst.
Er ging durch die kreisenden Mückenschwärme zum Zelt, hoffte, dass der Morgen rasch käme und der Schlaf ihm bis dahin eine Atempause gönnte.
Auch wenn es irgendwie sinnlos erschien, ging er sich im Waschraum die Zähne putzen. Dabei begegnete er erneut Ralf Hoffmann. „Schlafen Sie gut“, sagte der freundlich und verhielt im Schritt, als er Adrians Blick begegnete.
„Danke, Sie auch“, sagte Adrian.
Ralf beeilte sich, zurück zu Jela zu kommen. „Halt mich mal kurz fest“, sagte er und nahm sie in den Arm. „Dieser Bursche macht mir zu schaffen. Ich habe noch nie einen so traurigen Blick gesehen. Es ist, als zöge ihn etwas in die Tiefe. Ich hatte das Bedürfnis, ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen ‘Das wird schon, alter Junge’. Aber macht man das mit einem Fremden? Wie alt schätzt du ihn eigentlich?“

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Kurzgeschichte, Campingplatz, Frühling, Zelt, Wohnwagen

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