Flaschenpost vom Meer

Flaschenpost vom Meer

© Patricia Koelle
 

Patricia Koelle: Flaschenpost vom MeerErleichtert befolgte Cory Seling die Anweisungen der Stewardess. Handgepäck unter dem Sitz verstauen, Rückenlehne hochklappen, anschnallen. Sie konnte die Landung kaum noch erwarten. Nicht weil sie ungern flog. Es hatte ihre Stimmung gehoben, die Wolken von oben zu sehen und den winzigen Schatten des Flugzeugs, der darüberglitt, so klein, als hätte er nichts mit ihr zu tun. Sie stellte sich vor, dieser bewegte Schatten wäre ein Radiergummi, der das letzte schlimme Jahr Tag um Tag auslöschte, bis nur noch dieses strahlende Weiß übrig war. Es wäre so schön gewesen.
Jetzt aber, nach neun Stunden, glaubte sie in der verbrauchten Luft zu ersticken. Sie sehnte sich nach Sauerstoff. Nach frischer, echter Luft, die aus einem Tag kam und nicht aus einer Düse.
Unter ihr riss die ewige glatte Fläche des Meeres ab und plötzlich nahes Grün kam dem Flugzeug entgegen. Gerade noch rechtzeitig, wie es schien, tat sich eine Landebahn vor ihnen auf und das Flugzeug berührte den Boden so überraschend weich, dass alle Passagiere klatschten.
Draußen schlug die Luft Cory so heiß und schwer entgegen wie das feuchte Tuch, das sie am Morgen von der Stewardess mit dem automatischen Lächeln gereicht bekommen hatten. Treibstoffgeruch mischte sich mit dem süßlichen Duft der roten und gelben Hibiskusblüten, die das Flugfeld säumten.
Nach allem, was gewesen war, konnte sie kaum glauben, dass sie jetzt hier war, in einer völlig anderen Welt.
Es war noch eine gute Stunde Taxifahrt bis zu ihrer Unterkunft, die sie wahllos aus dem Internet gefischt hatte. Das Bild hatte sie einfach angesprochen und nicht mehr losgelassen.

Sie lehnte sich müde in den Sitz und ihre Gedanken fielen zurück in ihre alte Welt, in die geheimnisvolle verwinkelte Stube ihrer kleinen Buchbinderei, in der es nach Kleber, Tinte, Leder und altem Pergament roch.
Sie kannte diesen Geruch und die verheißungsvollen Schatten in den Winkeln, seit sie denken konnte. Damals hockte sie am liebsten unter der alten Presse, deren Silhouette im Lampenlicht wie ein zahmes Ungeheuer wirkte, und sah den großen, behutsamen Händen ihres Großvaters und ihres Vaters zu, wie sie mit den Büchern hantierten. „Mit alten Büchern muss man umgehen wie mit Menschen“, pflegte ihr Vater zu sagen. „Sie haben ein ganzes Leben hinter sich und beherbergen eine Menge Weisheit. Und sie sind verletzlich. Behandele sie mit Respekt.“
Für Cory war es nie in Frage gekommen, etwas anderes zu lernen als das Buchbinderhandwerk. Auch wenn die elektronischen Medien immer mehr Bedeutung bekamen, so gab es dennoch genug Menschen, die gern mit einem Buch in der Hand ihren Lieblingsplatz aufsuchten und sich ohne Strom und Flimmern für eine Stunde oder zwei in andere Welten tragen ließen.
Es gab auch Menschen, die einfach gern ein schön gefertigtes Buch in der Hand hielten und zärtlich über den Einband strichen. Und es gab Menschen, die uralte, abgegriffene Bücher brachten und darum baten, dass man sie heilen und vorm Verfall bewahren möge, weil sie ein Stück ihres Lebens waren. Auch Büchereien, Bibliotheken und Museen gehörten zu den Kunden. Die Zukunft schien gesichert.
Cory lernte falzen, schneiden, kleben und heften und konnte mit Leinen und mit Leder umgehen. Sie wusste Zeitschrifteneinbände herzustellen, Kästen und Kassetten, übte das Prägen und beherrschte schließlich auch Gold- und Farbschnitte. Ihre Finger waren jung und zierlich und geschickt, und sie war voller Begeisterung.
Und doch hatte es nicht gereicht. Ihr Großvater starb, später ihr Vater. Danach führte sie das Geschäft noch acht Jahre lang weiter. Sie lernte Till kennen und war eine Zeitlang glücklich mit ihm, doch er war eifersüchtig auf die Bücher und ihre Welt im Laden, die er nicht verstand, die sie auch ihm zuliebe nicht aufgeben wollte, und die schließlich ihre gesamten Tage auffraß, bis sie einsah, dass sie verkaufen musste, ehe sie alles verlor. Doch da war er schon gegangen.
Am letzten Tag vor der Schlüsselübergabe an den neuen Besitzer, der ein Pressebüro aus den Räumen machen wollte, sammelte sie noch die ganz alten Bände ein, die zum Teil zur Dekoration und als Modelle auf den Regalen gestanden hatten. Sie war müde, traurig und überarbeitet. Alles war wie in einem unwirklichen Nebel um sie.
Sie hockte sich auf einen alten Schemel und schlug einen schweren Band der Sternkunde aus dem Jahre 1793 auf. „Der Beyfall, mit welchem die erste Auflage meines Buches aufgenommen worden, ist zu schmeichelhaft und ehrenvoll für mich gewesen, als dass ich mich nicht hätte aufgemuntert und verpflichtet fühlen müssen, in dieser Sache, wo möglich, etwas Vollkommeneres zu leisten …“ Aufmunterung, dachte Cory, die könnte ich auch gebrauchen. Sie schlug das Buch wieder zu; sie hatte keine Zeit zum Trödeln.
Da flatterte zwischen den Seiten ein eng und beidseitig von Hand beschriebener Zettel hervor und fiel vor ihre Sandale. Die Tinte war braun und verblichen und das Papier fleckig, die untere Ecke abgerissen.

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Patricia Koelle
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Eine Flaschenpost oder Piratenschätze findet man heutzutage nur noch selten am Strand. Doch schon mit einem einzigen Urlaubstag bekommen wir Zeit außerhalb unseres Alltags, unseres Ortes, sogar unseres Selbst geschenkt, und dann können uns erstaunlichere, spannendere Dinge geschehen. Wenn wir an diesen langen, hellen Sommertagen genau hinsehen, wenn wir uns auf frischen Wind und auf die Weite einlassen, entdecken wir andere Schätze. Sie eignen sich nicht zum Vorzeigen, aber sie können unsere Zukunft ändern und uns reicher heimkehren lassen.

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Kurzgeschichte, Flaschenpost, Meer, Bibliothek

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2 Gedanken zu “Flaschenpost vom Meer

  1. Mich irritiert ein wenig der Titel. Kommt eine Flaschenpost nicht immer vom Meer? Oder doch aus einem Fluss? Nun gut, es gibt auch an Land und in Gebäuden versteckte Flaschenposten, das stimmt schon.
    Oder nehme ich den Begriff Flaschenpost zu wörtlich und es ist nur eine Metapher? – Das muss an meinem ureigenen Metier liegen! 😉

    Viele Grüße von der Küste, von einem Schatzsucher. 🙂

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