Liebe im Teeglas

Liebe im Teeglas

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Viktorias blauer GartenDer handgemachte Teebeutel lag in Majas Briefkasten zwischen einer Mahnung des Klempners und einer Werbung für Feuerlöscher. Er war sorgfältig in Cellophan und Seidenpapier gewickelt. „Heller Nachmittag“, stand darauf, in einer ordentlichen, verschnörkelten Handschrift. Als sie daran schnupperte, schoss ihr trotz des Februarmatsches, der an ihren Stiefeln klebte, das Bild eines sommerblauen Himmels voller Schwalben durch den Kopf.
Also hatte Franziska wieder Dienst gehabt. Franziska Blaumeiser, die seit einer kleinen Ewigkeit im Dorf nicht nur die Post austrug sondern auch Teebeutel. Immer wieder kam es vor, dass jemand einen solchen zwischen seinen Briefen fand. Franziska hatte stets Augen und Ohren offen und wusste, wann jemand Trost brauchte oder etwas, das ihn besser schlafen ließ. Wer ihr zu mager vorkam, bekam appetitanregenden Schafgarbentee und wer morgens verschlafen wirkte einen kräftigen Schwarzen. Maja kannte sie nicht näher und hatte sie noch nie besucht, aber man munkelte, Franziska Blaumeiser betreibe eine wahre Hexenküche. Manches Mal wurde gesehen, wie sie geheimnisvolle dicke Briefe an sich selbst lieferte, wohl voll der Kräuter, die zu exotisch waren, um in ihrem eigenen Garten zu gedeihen, den sie hinter einer dichten Hecke versteckte und aus dem an warmen Abenden eigenwillige Düfte aufsteigen, so dicht als könne man sie berühren.
Maja aber konnte heute jeden Trost gebrauchen und schob alle Bedenken beiseite. Sie lauschte dem ansteigenden Schwatzen der Wasserblasen im Bauch ihres altmodischen Teekessels, während sie aus dem Fenster starrte. Sie war sich sicher, die schriftliche Prüfung heute Morgen völlig verhauen zu haben. Dabei hatte sie gründlich gebüffelt. Der Grund für ihre fehlende Konzentration hatte freundliche Augen und saß am Tisch rechts von ihr. Sie kannte ihn schon flüchtig, freundschaftlich eben, aber noch nie war ihr aufgefallen, dass sich diese Lachfalten um sein linkes Ohrläppchen herum bildeten, wenn er lächelte. Das tat er beim Schreiben wiederholt, ohne es zu bemerken. Es irritierte sie zunächst, dann ließ es sie nicht mehr los. Sie hatte noch nie jemanden kennengelernt, der mit den Ohren lachte.
Ganz zum Schluss, als sie die Arbeiten abgegeben hatten, strahlte er ihr direkt in die Augen und sie sah, dass sich diese Fältchen natürlich auch am rechten Ohr bildeten. Wie hätte sie da nein sagen können, als er sie mit gleichzeitig schüchternem und erwartungsvoll-verschmitztem Blick zum Eis einlud? Leider wurde er diesen verflixten Lachfalten auch noch in jeder Hinsicht gerecht. Wäre da nicht die lange träge Geschichte mit Jan gewesen und danach die kurze, übereilte mit Frido, hätte sie keine Bedenken gehabt, ihn morgen wiederzusehen. Er hatte ihr ein Picknick versprochen, mitten im Februar, und sie war nicht nur zum Platzen neugierig, sondern sehnte sich schon jetzt wieder nach seinen Ohren.
Maja seufzte und ließ den Teebeutel im Glas zappeln. Das Wasser nahm eine sonnengoldene Farbe an, in der ein leichtes grünes Schimmern umherzuhuschen schien wie eilige Libellen. Sie nahm das heiße Getränk mit ins Wohnzimmer zu ihrem Kummersessel, legte die Füße auf die Fensterbank und hätte für einen Augenblick schwören können, dass die Dampfwölkchen, die aus dem Glas aufstiegen, mit kleinen Flügeln schlugen wie die Schwalben, die vorhin durch ihre Gedanken gehuscht waren. Der Tee schmeckte nach weiten Wiesen, Stille und Gänseblümchen. Mit jedem Schluck fühlte sie sich leichter. Jan und Frido rückten vorerst in den Hintergrund ihrer Befürchtungen, als seien sie mit dem Dampf verweht.
Als Maja ausgetrunken hatte, schlüpfte sie in ihre Jacke und verließ das Haus. In ihrem Inneren kribbelte eine heitere Wärme und aus irgendeinem Grunde war ihr nach einem langen Spaziergang. Es wunderte sie nicht wirklich, dass sie sich gleichzeitig mit der Dämmerung vor dem erstaunlich modernen Haus wiederfand, in dem Franziska Blaumeiser wohnte. Ein windschiefes Giebelhäuschen hätte viel besser gepasst als der schuhkartonartige Bungalow, doch Maja klingelte trotzdem. Auch Franziska Blaumeiser selbst hatte äußerlich nichts mit einem Kräuterweiblein gemeinsam. Schlank und aufrecht stand sie in der Tür, mit kurzen weißen Haaren und gebügeltem taubenblauen Hosenanzug. „Ich wollte mich für den Tee bedanken“, sagte Maja. „Der kam heute gerade richtig.“
„Kommen Sie doch herein. Wollen Sie mir mehr erzählen?“

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Kurzgeschichte, Tee, Teebeutel,

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