Treibgut

Treibgut

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: FrühlingsgeschichtenJens Gremmühlen stand im Unterhemd auf seinem Balkon und sah den neuen Lieferwagen des Apothekers vorbeischwimmen, für einen Moment am untersten Ast einer Linde hängen bleiben und sanft schaukelnd hinter dem Gasthof verschwinden. Die Linde entfaltete gerade kleine, fröhlich grüne Fächer.
Eigentlich hatte eine Schutzwand gebaut werden sollen, nach der großen Flut vor vier Jahren, die den Keller und das Erdgeschoss zerstört hatte.
Vier Generationen lang hatte die Metzgerei Gremmühlen ihre Kunden friedlich mit Schinken, Leberpastete und einem freundlichen Wort versorgt.
Vor vier Jahren trieben die Leberpastete und die Sicherheit zum Fenster hinaus.
Doch der Flutwelle folgte eine der Hilfsbereitschaft. Sie hatten alles wieder aufgebaut. Nur die Schutzwand gab es immer noch nicht. Eine Jahrhundertflut heißt so, weil sie nur einmal im Jahrhundert kommt, hatten einige gemeint, und die Wand wäre so hässlich, dass sie wie ein Riss durch das Leben gehen würde.
Die Tage warteten nicht darauf, dass eine Entscheidung fiel. Sie vergingen trotzdem, und in der Metzgerei Gremmühlen brummten inzwischen neue, modernere Maschinen. Die Wände standen stolz in frischem Sonnengelb. Es kamen mehr Kunden als zuvor. Jens’ Ältester, Willi, machte eine Lehre bei einem Kollegen. Jens hätte ihn nie dazu gedrängt, aber Willi schien die Familientradition tatsächlich gern fortführen zu wollen. Und sie hatten begonnen, den Kredit abzuzahlen.
Doch in diesem Winter hatte es in den Bergen nicht mehr aufgehört zu schneien, bis Dächer unter der Last zusammenbrachen, und das ganze Land war in strengem Frost erstarrt, der einfach nicht nachlassen wollte. Als dann doch der verspätete Frühling eilig den Schnee wärmte und das Wasser sich auf den Weg machte, lief es auf einmal wieder gurgelnd bei Jens Gremmühlen in den Laden und klatschte spöttische Wellen gegen die Wände. Es reichte bis zu den Blumentöpfen auf der Fensterbank. Das Haus roch scharf nach nassem Holz und feuchtem Kalk. Unregelmäßige dunkle Linien zogen sich wie ein Fries rundherum, als hätte jemand Ungeschicktes ein Bergpanorama zeichnen wollen.
Die meisten Maschinen hatten sie retten können, aber nicht alle. Das Portrait von Urgroßvater Cord Gremmühlen lehnte vorübergehend auf dem Dachboden an einem alten Schlitten und blickte sorgenvoll.
Sophie und die Mädchen waren bei der Oma, wo es trocken war. Er hatte sie rechtzeitig fortgeschickt, damit sie das Elend nicht noch einmal mit ansehen mussten.
Aber nun war er allein mit der Zerstörung und der Stille.
Geträumt hatte er, wie sie Sandsäcke füllten. Er schaufelte und schaufelte, ohne zu wissen, was er da einfüllte, bis Sophie sagte: „Hör auf, Jens, die Hoffnung ist alle.“
Er stand mit der Kaffeetasse in der Hand im Morgenlicht und sah, wie die Zukunft davonfloss. Als Kind hatte er sich vor dem Abfluss in der Badewanne gefürchtet. Der schlürfende Wirbel, der alles nach unten zog, füllte ihn mit Erschrecken, und er achtete genau darauf, dass sein großer Zeh der hungrigen Öffnung nicht zu nahe kam. Lieber stieg er erst aus der Wanne und zog dann den Stöpsel.
Sein augenblickliches Entsetzen war nicht kleiner.
Sie würden es sicher kein zweites Mal schaffen.
Rechtzeitig ausgestiegen war er wohl auch nicht.
Der Kaffee schmeckte wie Badewasser. Er kippte ihn über das Balkongeländer. Da sah er etwas um die Ecke Marktstraße/Heinestraße biegen.
Es war ein Papierschiffchen. Ein ganz normales Papierschiffchen wie es Kinder eben falten, unpraktisch und vergänglich wie ein Traum. Es war durchweicht am Boden und lehnte sich in den Frühlingswind, doch es schwamm sicher und leicht. Im Bug leuchtete eine gelbe Stiefmütterchenblüte.
Jens lehnte sich über die Balkonbrüstung. Das Schiffchen fuhr direkt unter ihm vorbei, als wüsste es genau, wo es hinwollte. Die Brise steuerte es zwischen den blühenden Zweigspitzen der Forsythie hindurch, die an der Hausecke wuchs, dann die Heinestraße entlang und auf die silberne Wasserfläche hinaus, unter der sich die Kuhweide des Bauern Großklaus verbarg.
Da lag der Bug immer noch nicht tiefer, und das Segel blieb aufrecht.
Jens sah ihm nachdenklich hinterher.
Vielleicht würden sie es doch schaffen. Willi konnte schon gut mit anpacken. Dem Leiter der Bank schmeckte die Gremmühlensche Leberpastete besonders gut. Die meisten Maschinen hatten sie ja nach oben tragen können. Vielleicht zahlte die Versicherung doch noch einmal ein wenig. Und die Wände streichen, na ja, wie oft hatte er das schon gemacht!
Und auch wenn das Dorf untergegangen wirkte: der Himmel reichte weit und war so blau wie Sophies Augen und die hellgrünen Blätter nach dem unerträglich langen Winter endlich auf dem Weg.
Jens Gremmühlen ging ins Haus. Als er eine Weile später wieder auftauchte, trug er eine frische Tasse Kaffee in der einen und einen Stapel bunten Papiers in der anderen. Er hoffte, Klein-Moni würde nichts dagegen haben, dass er das Bastelpapier aus ihrem Schreibtisch genommen hatte.
Jens nahm einen tiefen Schluck und begann, das Papier zu falten. Seine Hände waren eigentlich zu groß und zu ungeschickt für sein Vorhaben, und er brauchte lange. Doch wenn er von etwas genug hatte, bis das Wasser ablief, so war es Zeit. Zeit, in der Angst aufzulaufen drohte, gegen die seine breiten Schultern ihm nicht halfen. Aber seine Hände erinnerten sich und gaben nicht auf.
Zur Mittagszeit beugte er sich mehrfach über das Balkongeländer, und eine Menge bunter, aufrechter Papierschiffchen machte sich auf den Weg durch das Dorf, die Hauptstraße hinauf, denn der Wind hatte gedreht. Sie trugen die Blüten von roten Tausendschönchen aus Jens’ Balkonkasten im Bug und kleine Probepackungen Gremmühlenscher Leberpastete.
Es schadete ja nicht, den Menschen zu zeigen, dass dieser Betrieb nicht untergegangen war, sondern sich schüttelte wie ein nasser Hund und erneut auf den Weg in die Zukunft machte.
Und dass gelegentlich etwas Leichtes vorübertreibt, das Gewicht hat.

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Kurzgeschichte, Treibgut, Überschwemmung, Flut, Jahrhundertflut

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