Zitronenluft

Zitronenluft

© Patricia Koelle
 

Trotz der steifen Brise und der Kapuze über ihren Ohren hörte Ella Berger plötzlich ein Getöse, ein Poltern und einen erschrockenen Ausruf. Die Geräusche kamen aus dem Garten, an dem sie gerade vorbeigelaufen war. Sie zögerte, dann kehrte sie um, lehnte sich über die verwitterte Holzpforte und rief: „Hallo? Alles in Ordnung?“
Sicher war sie sich nicht, aber sie glaubte, im Wind einen Hilferuf zu hören.
An diesem Nachmittag verblüffte Ella sich selbst, denn sie hatte während der vergangenen zwei Wochen in der Reha-Klinik alle Gespräche mit Fremden abgelehnt. Sie fühlte sich einfach nicht in der Verfassung dazu. Es kostete sie schon ihre ganze Kraft überhaupt hinauszugehen. Es war, als wäre sie seit der Operation wesentlich älter als ihre knapp sechzig Jahre.
Trotzdem hatte sie sich, als der Regen endlich aufgehört hatte, gegen den Wind den Möwenstieg entlang Richtung Nordspitze der Insel gekämpft. Sie hatte die Kapuze ihres Anoraks ganz eng zuziehen müssen, um einen Schutz über den Ohren zu behalten, denn jede andere Kopfbedeckung machte sich sofort davon. Die ausgefransten Fahnen vor der Klinik knatterten bedrohlich und schlugen ihre Leinen gegen die hohen Masten. Zu ihrer Linken tobten die Wellen an die Dünen. Die unteren Stufen der Holztreppen, die in regelmäßigen Abständen vom Stieg zum Strand hinunterführten, waren vom Wasser bedeckt. Ella hätte das für Hochwasser gehalten; die Einheimischen fanden es für eine Flut an einem Maitag ganz normal.
Zu Ellas Rechten kuschelten sich steile Gärten hinter den Deich. Reetgedeckte Häuser saßen darin wie in einem Nest. Die Gärten waren sandig und karg; es gab nicht viel nahrhafte Erde hier, und die meisten Gartenblumen waren zu zart, um dem Wind zu trotzen. Nur ein paar späte Narzissen kämpften in einigen Kuhlen darum, aufrecht zu bleiben.
Dass es Frühling war, sah man ansonsten nur an der Farbe des Himmels und den zarten Blättern einiger weniger verfrorener Birken, die sich hier und da in windgeschützten Ecken ans Leben klammerten. Es gab sonst kaum Bäume auf der Insel, nur einige in die Dünentäler geduckte Kiefern.
Als sie sich jetzt auf der Suche nach dem Hilferufenden über das fremde Gartentor beugte, konnte sie nichts sehen, denn der Garten fiel steil ab. Kurz entschlossen drückte sie die Klinke. Es war nicht verschlossen. Etwas mühsam stieg sie die Düne hinab und sah sich staunend um. Der Abhang war sandig gewesen wie die gewohnte Insellandschaft, aber hier unten war alles anders. Der Boden bestand aus fruchtbarer schwarzer Erde, es gab ein Stück wirklichen weichen, dichten Rasen und drei runde Beete, die sich in den Schutz der Düne schmiegten und dicht bewachsen waren mit zarten weißen und blauen Glockenblumen, violettem Fingerhut, Purpurglöckchen und anderen Blumen, die Ella hier nie vermutet hätte.
An die Hauswand lehnte sich eine Art Gewächshaus, eher ein Schuppen, und von dort kamen die Geräusche. Die Tür war angelehnt. Ella stapfte in ihren Gummistiefeln hin und klopfte. „Brauchen Sie Hilfe?“
„Jawohl bitte“, kam eine Bassstimme von drinnen.
Ella stieß die Tür auf und fiel fast über ein paar große nackte Füße. Zu den Füßen gehörte ein ziemlich stattlicher Mann, der auf dem Rücken lag, offensichtlich umgeworfen und festgeklemmt von einem Baum in einem blauen Kübel.
„Huch!“, sagte Ella.
„Mein Name ist Herr Rossmonith“, sagte der Mann, als sei „Herr“ sein Vorname, und lachte sie an. Seine Lage schien ihn nicht weiter verlegen zu machen. „Was für ein Glück, dass Sie vorbeikamen. Es ist vielleicht ein bisschen viel verlangt, aber könnten Sie mir wohl helfen? Wenn Sie es schaffen, den Baum wieder aufzurichten, komme ich auch allein wieder auf die Beine.“
„Berger“, stellte sich Ella vor und umfasste den Baum mit beiden Händen nahe der Krone. Der Stamm war ungefähr so dick wie eine Banane. Sehr schwer konnte die Pflanze nicht sein.
„Halt!“, rief Herr Rossmonith. „So bricht er ab! Versuchen Sie bitte, einfach den Kübel aufzurichten.“ Er lächelte entschuldigend. „Wissen Sie, Frau Berger, das ist nämlich mein Lieblingsbaum.“
Ella bückte sich und umklammerte den schweren Steinguttopf. Erst rührte sich nichts, dann rollte er ein wenig zur Seite und stach Herrn Rossmonith einen kleinen Zweig ins Nasenloch.
„Versuchen Sie es noch einmal“, bat er. „Ich bin überzeugt, Sie schaffen das. Wenn nicht, würde ich Sie bitten, auf der Straße Hilfe zu holen.“
Jetzt war Ellas Ehrgeiz geweckt. Sie sammelte alle Kraft und hob den Rand des Topfes an, zog ihn zu sich hin. Für einen Moment drohte er, nun auf sie zu kippen, doch dann zwang sie ihn in eine aufrechte Stellung. Der Baumwipfel rauschte hoch, erzitterte und blieb dann überraschend so stehen, dass Ellas Gesicht mitten darin steckte. „Mmmh“, sagte Ella. Sie rührte sich nicht, sondern schloss nur die Augen. „Was duftet denn so himmlisch?“
„Darum ist dies ja mein Lieblingsbaum“, sagte Herr Rossmonith und kam ächzend auf die Beine. „Ich habe noch zwei davon, aber dies ist der erste und schönste. Es sind Zitronenbäume, und was da so paradiesisch duftet, sind seine Blüten.“
Ella machte die Augen wieder auf. Sie sah ein Büschel porzellanweißer schlichter Blüten mit fünf schmalen Blütenblättern, die sich wie ein Stern um einen Stempel und Staubgefäße öffneten. „Darum riechen sie so wunderbar gelb“, sagte sie und kam sich im gleichen Augenblick albern vor.
Doch Herr Rossmonith war begeistert. „Ja, nicht wahr? Finden Sie auch, dass Gerüche eine Farbe haben? Es gibt zum Beispiel unheimlich viele verschiedene grüne Gerüche. Blaue auch. Übrigens vielen Dank für die Rettung. Aber, aber, was ist denn?“ …

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Geschichten, Kurzgeschichte, Zitronenluft, Zitrone, Duft

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