Liebe, Lachs und Anderwann

Liebe, Lachs und Anderwann

© Patricia Koelle
 

Patricia Koelle: Liebe, Lachs und AnderwannZwischen den Eichenblättern vom letzten Herbst, die unter ihren Sohlen tuschelten, lag Zeit auf dem Weg. Emi überlegte, was sie damit anfangen sollte. Die Grabsteine rechts und links schwiegen beharrlich. Kein stiller Gruß von Max war ihnen zu entlocken. Nur zwei Amselmänner tobten schimpfend dazwischen herum und rauften sich um ein Weibchen, das mit großen Augen zusah.
„Im Frühling zu streiten ist immer noch besser, als im Frühling allein zu sein“, hatte Max einmal gesagt.
Jetzt war Emi doch allein mit den blühenden Schlüsselblumen, dem hohen frischgewaschenen Himmel und dem Hochzeitsgezwitscher der Meisen. Sie hatte Angst, die letzte Erinnerung an den Klang seiner Stimme würde mit den krümelnden Blättern unter ihren Schritten endgültig verwehen. Und sie konnte sich noch immer nicht vorstellen, mit jemand anderem als Max zu streiten, zu lachen oder sonst was anzustellen, ob im Frühling oder anderwann.
„Anderwann, das gibt es nicht. Du kannst nicht immer Wörter erfinden!“ Max hatte sie deswegen ausgelacht. Er war Architekt. Er nahm es genau. Das sah sie ein; seine Bauzeichnungen mussten exakt stimmen. Aber sie handelte mit Büchern. Sie musste sich nicht an seine Regeln halten.
„Es gibt ein Anderswo, also gibt es auch ein Anderwann. Im Antiquariat habe ich einmal ein Buch mit diesem Titel verkauft!“
„Und wann soll dieses Anderwann sein?“
Musste man ihm denn alles erklären?
„Na eben nicht jetzt. Dazwischen. Früher. Später. In der Wirklichkeit, im Traum oder in der Hoffnung. Je nachdem. Ich stelle es mir wie ein Nachbarland vor. Ein helles Land, in dem man etwas Anderes ausprobieren kann, weil man eine andere, zweite Zeit zur Verfügung hat.“
Kopfschüttelnd hatte sich Max an seinen Schreibtisch verzogen.

„Autsch!“ Eine Eichel war in ihren Schuh gehüpft. Sie stützte sich auf die Grabstele einer Frau von Tramm, um ihn auszuschütteln, aber der Schuh saß gut und klemmte den drückenden Fremdkörper fest unter ihre Zehen. Sie humpelte zu einer Bank, um ihn auszuziehen.
Dort saß schon jemand. Sie murmelte einen Gruß, war aber zu beschäftigt um hinzusehen.
„Na endlich!“, sagte sie erleichtert, als die Eichel in hohem Bogen ins Gras flog.
„Emilia? Emi Ammer? Biologie, neunte Klasse?“, fragte eine Stimme, die definitiv aus einem längst vergangenen Anderwann kam. Ungläubig sah sie hoch.
Tatsächlich. Diese hellbraunen Augen mit dem Schalk darin! Er war nie besonders auffällig gewesen, ihr alter Lehrer, der gar nicht alt war. Mittelgroß, mittelbraune Haare, unauffällige Nase. Aber die verschmitzten Augen blieben ihr im Gedächtnis und seine Geste, wie er beim Erklären immer mit halb zum Greifen gespreizten Fingern wie ein Magier die erstaunlichsten Fakten aus der Luft holte. Dass bei Seepferdchen die Männer schwanger werden und es Fische gibt, die im Dunkeln leuchten, und Raupen, die einen Hut aus ihrer eigenen abgelegten Haut tragen.
„Herr Siebentritt …?“
„Genau der. Schön, dich zu sehen. Passt zum Frühling. Wie lange ist das her seit der neunten Klasse?“
Sechzehn war sie gewesen. Sechzehn und verknallt. In ihren Biologielehrer. „Siebzehn Jahre.“
Die Zahl hing groß zwischen ihnen. Erschreckend. Unglaublich! Emi überlegte fieberhaft, wo diese Menge Jahre geblieben waren. Hatte Max sie mitgenommen in sein stummes Anderswo, in dem es kein Anderwann mehr gab?
In diesem Augenblick, mit der vertrauten Gestalt Herrn Siebentritts neben sich und der unveränderten Geste, mit der er die unsichtbare Zahl aus der Luft wischte, hatte es diese Jahre nie gegeben.
„Da war ich achtundzwanzig. Und du warst verknallt in mich“, erinnerte sich Herr Siebentritt mit einem Schmunzeln im Mundwinkel.
„Das haben Sie gemerkt?“
„Du hast eine wilde Rose in dem Strauß versteckt, den du mir auf der Wanderung in der Lüneburger Heide gepflückt hast. Die anderen haben auch Sträuße gepflückt, aber sie haben die Rosen nicht versteckt.“
Für einen Moment dieses kühlen hellgrünen Frühlingstages war sie wieder diese verlegene Sechzehn, trug ein gelbes Kleid und Mückenstiche am Knie und pflückte auf der sommerwarmen Heide Ginster, Margeriten und Glockenblumen, Bienengesumm im Ohr, honigsüßen Kleeduft in der Nase und Lerchenzwitschern im weiten blauen Oben. Diese bunten Splitter aus anderen Zeiten waren irgendwo im Keller ihrer Gedanken unter Spinnweben begraben. Mit Max war immer Gegenwart gewesen. Die Anwesenheit Herr Siebentritts aber wischte den Staub von ihnen.
Wenigstens war Verlegenheit schon lange nicht mehr ihr Problem.
„Und dann das eifrige Strahlen, mit dem du dein Referat über die Alveolen gehalten hast“, erinnerte er sich.
„Ja, in dem Alter kann man sogar Lungenbläschen als romantisch ansehen.“ Damals hatte sie es hinreißend gefunden, wie er das Wort aussprach. Al-ve-o-len. Er hatte eine lakritzweiche, dunkle Stimme wie der Märchenerzähler auf dem Weihnachtsmarkt. Immer noch. „Ich war hauptsächlich in Ihre Lachfalten verliebt. Die in den Augenwinkeln aussahen wie ein halber Stern am Ende eines Weges. Ich hätte sie gern angefasst.“
Oh ja, der Schalk wohnte immer noch in seinem Blick. Auch wenn die Jahre an seinen Schläfen inzwischen Raureif hinterlassen hatten.
Vorhin noch hatte ihr die Zeit Angst gemacht, über die sie auf dem Weg gestolpert war. Sie hatte so leer ausgesehen. Jetzt füllte sie sich.
„Warum bist du hier?“, fragte er. „Sollte ich jetzt nicht eigentlich ‚Sie‘ sagen? Oder du sagst Hugo zu mir.“
„Bitte nicht. Es fühlt sich falsch an. Ich bin hier, weil ich Max besucht habe. Meinen Mann. Abteilung 38, Reihe fünf a. Seit zwei Jahren.“

„Was ist passiert, Emi?“ Seine leise Frage löschte die Stille, die sich für einen Moment zwischen sie auf die Bank gesetzt hatte.

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Patricia Koelle: Liebe, Lachs und Anderwann
Patricia Koelle
Liebe, Lachs und Anderwann
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Ein ganz normaler Mittwoch beginnt mit einem Lachsbrötchen, das unerwartete Folgen hat.
Emi und Hugo trauern beide um eine verlorene Liebe. Um gegen seine Verzweiflung anzugehen, hat Hugo einen besonderen Tag geplant. Als er zufällig Emi trifft, bittet er sie spontan, ihn dabei zu begleiten. Zusammen entdecken sie, was für Überraschungen unter einem Strohhut liegen können und dass sich im Großstadtdschungel nicht nur Krokodile besiegen lassen.

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Wer nur Frösche küsst, versäumt die Drachen

Wer nur Frösche küsst, versäumt die Drachen

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Wer nur Frösche küsst, versäumt die DrachenCora Sommerlich kniete auf nasser Erde und hatte gerade in eine Brennnessel gefasst, als Ulli Honodel sie fragte, ob sie morgen mit ihm ausgehen würde.

Die Brennnesseln wuchsen in Gräfin zu Feichtenbeiners Edelrosenrabatte und Cora war sich sicher, dass sie so penetrant wiederkamen, weil sie im Charakter wunderbar mit der Gräfin harmonierten. Ulli, Cora und sogar der Chef hatten von biologischem Unkrautvernichter bis hin zu wöchentlichem Jäten und dem Austausch der Erde alles versucht, aber Brennnesseln gediehen hier wesentlich besser als Rosen.

Ob sie Gräfin zu Feichtenbeiner erklären sollte, dass Brennnesseln die Schmetterlinge anlocken und diese den Garten adeln würden? Überhaupt gab es einiges, was sie der Gräfin gern über den Garten erzählen würde. Zum Beispiel dass dem unanständig nackten englischen Rasen ein paar Gänseblümchen hervorragend stehen würden.

Als Ulli Honodels Gummistiefel neben Cora auftauchten, überlegte sie kurz, ob sie ihm ihre Theorie mitteilen sollte, aber seine unerwartete Frage verjagte alle Pflanzenangelegenheiten aus ihrem Kopf und ihre Hand vergaß zu brennen.

Seit sie am Anfang eines milden Herbstes in der Gärtnerei Mogge angefangen hatte, erschienen regelmäßig Kollege Ulli Honodels braune Gummistiefel neben ihrem rechten Ohr, wenn sie gerade an Töpfen oder Beeten kniete. Es folgte ein Räuspern und dann ein höflicher Hinweis.

„Du musst eine Tonscherbe auf das Loch legen, sonst fließt das Wasser nicht ab.“ „Du solltest immer zwei Handbreit Platz zwischen den Setzlingen lassen.“ „Du musst eine Schnur spannen, damit die Kanten gerade werden.“

„Aber geschwungene Linien sehen viel schöner aus“, sagte Cora dann.

„Der Kunde wünscht gerade Linien.“

„Wenn es fertig ist, wird der Kunde sehen, dass es so viel besser aussieht. Er wird es nur noch nicht wissen.“

„Der Kunde wird es nicht sehen, weil wir die Kanten gerade machen werden, wie er es bestellt hat.“ Cora konnte sich nicht erklären, wie das kam, aber die Gummistiefel stapften stets friedlich davon, ohne dass ihr Besitzer jemals ein ungeduldiges Wort auf die Erde fallen ließ – und die Kanten waren am Ende immer gerade.

Ulli war ein netter Kerl …

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Patricia Koelle: Wer nur Frösche küsst, versäumt die Drachen
Patricia Koelle
Wer nur Frösche küsst, versäumt die Drachen
Kindergeschichte für Erwachsene
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Cora Sommerlich verlässt überstürzt die Stadt, weil Kollege Ulli sich versehentlich in sie verliebt hat. Ulli geht gar nicht! Auf ihrer Flucht trifft Cora nicht nur den galanten Frederik Fehringstein, sondern auch auf ein Geheimnis in Großtante Anna-Marias Keller.
Eine Geschichte von Sommer, Liebe und Wundern.
Aber Vorsicht: Wenn Sie zu den Erwachsenen gehören, die vergessen haben, dass es Drachen gibt, lesen Sie auf eigene Gefahr weiter.

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Die Nacht ist ein Klavier

Die Nacht ist ein Klavier

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Nacht ist ein Klavier„Geschlossen.“

Nick hockte im Nieselregen an einem der klebrigen Tische vor seinem Stammlokal und starrte auf das Schild an der Tür. Wie wunderbar klar man etwas mit einem einzigen Wort sagen konnte!

Isa hatte sehr viel mehr Wörter benutzt um ihn in die Wüste zu schicken. Die Wüste, in die er ihrer Meinung nach ihr Leben verwandelt hatte. Sie hatte vierundfünfzig Minuten lang geredet. Er fragte sich, wie viele Wörter wohl vierundfünfzig Minuten füllten. Ein schlichtes „Geh!“ hätte es auch getan und zu demselben Ergebnis geführt: dass er seine Zahnbürste, seine Wäsche und seine Bücher einpackte, Isa den Schlüssel zurückgab, den sie ihm vor zwei Jahren an den Weihnachtsbaum gehängt hatte, und ihr mit einer verlegenen Umarmung Glück und einen Mann wünschte, der ohne Schlaf auskam.

Zum Glück hatte er seine Ein-Zimmer-Bude nie ganz aufgegeben, hauptsächlich weil bei Isa keine Lücke für seine Sachen war. In ihrer Wohnung hatte er oft das Gefühl, er müsste schon morgens durch eine Schicht Worte waten wie durch frisch gefallenen Schnee.

Anfangs hatte sie ihn bezaubert mit ihren genauen Beschreibungen, mit den Geschichten, die sie über alles und jeden erzählte, mit der Art wie sie alle Satzzeichen durch ein fröhlich daher hüpfendes Lachen ersetzte. Und mit ihrer Unternehmungslust. Jeden Abend verführte sie ihn, irgendwohin zu gehen, wo etwas los war, wo Menschen und Gespräche und Bewegung den Raum füllten. Es war gut für ihn. Das Leben war lebendig, aufregend und bunt mit Isa.

Doch nachdem er seine Ausbildung zum Pfleger abgeschlossen und einige Monate in der Klinik gearbeitet hatte, wurde ihm klar, dass ihm das nicht genügte. Er wollte mehr wissen. Er wagte ein Medizinstudium. Isa sah das gern, gab reichlich damit an. Aber das Studium wurde stetig aufwändiger, sog die Kraft und die Zeit aus Nicks Tagen. Er musste auch Geld verdienen, arbeitete weiterhin nebenbei als Pfleger, übernahm Nachtschichten, weil er dabei büffeln konnte. Isa musste meist allein ausgehen, und wenn sie Nick hinterher davon erzählte, war er schon nach dem Vorwort eingeschlafen. Wenn Isa beim Erzählen wild gestikulierte war ihm, als ob ihre roten Fingernägel Spuren auf seiner Netzhaut hinterließen wie die Sonne, wenn man zu lange hineingesehen hat. Die Bilder, die sie in die Luft malte, flimmerten noch in seinen Träumen und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Blieb Isa ihm zuliebe zuhause, war sie unglücklich. An Ruhe erstickte sie.

Nick und Isa waren auf Dauer schlichtweg nicht kompatibel.

Und jetzt saß er hier und beneidete ein Türschild um seine klare Einfachheit.

*

Das Schild bewegte sich plötzlich, schwang mit der Tür vor und zurück. Heiner, Nicks alter Schulkamerad, dem das Lokal gehörte, steckte den Kopf heraus und blinzelte in das nasse Dämmerlicht. „Was machst du da? Du weißt doch, dass heute Ruhetag ist! Eigentlich bin ich gar nicht hier. Brauchst wohl’n Schnaps, so wie du aussiehst? Geht aufs Haus!“

„Nee, danke. Mein Dienst fängt gleich an.“

„So schnell schon ein neuer Job? Gratuliere. Wie wär’s dann mit einem Eisbecher? Schokoeis ist gut gegen Liebeskummer.“

„Bin ich ‘n Mädchen?“

„Schokolade wirkt auf beide Geschlechter. Wir geben’s nur nicht zu. Ist dir nicht kalt hier draußen?“

Natürlich war ihm kalt. Immerhin war Anfang Oktober, und ein Sauwetter. Aber Nick wollte einen klaren Kopf bekommen, und außerdem war ihm nach Leiden zumute.

Heiner wischte mit gerümpfter Nase über einen Stuhl, setzte sich widerwillig. „Sie passte nicht zu dir. Vergiss sie!“

Aber ihr Funkeln, mit dem sie sein Leben bestreut hatte wie mit Puderzucker, und die Wärme in ihrer braungebrannten Armbeuge würden ihm fehlen.

„Und? Was ist das für’n neuer Job?“, lenkte Heiner ab.

In der Klinik hatten sie Personal abbauen müssen, und da Nick keine Vollzeitkraft war und außerdem noch nicht lange da, musste er als Erster gehen. Es traf ihn nicht sehr. Auf der Station herrschte ebenso viel Hektik wie bei Isa, ständig war Eile geboten, flogen Befehle hin und her, fiepten und blinkten die Maschinen. Nick hatte zunehmend das Gefühl, dass in ihm eine Zeitbombe tickte. Nicht nur bei Isa gab es zu viele Wörter. Sie tropften auch aus seinen Lehrbüchern, verfolgten ihn zusammen mit Isas Geschichten in seine Träume, rollten in den Vorlesungen wie eine Lawine auf ihn zu. Irgendwo musste es doch Augenblicke der Ruhe geben, in denen er sich an sich selbst erinnern konnte! Darum hatte er keine Zeit verloren, als er die Anzeige in der Morgenzeitung gelesen hatte.

„In einem Seniorenheim. Gleich hier um die Ecke.“

„Hmm. Meinste, ausgerechnet das heitert dich auf?“

„Es heitert mich auf, wenn ich meine Miete bezahlen kann.“ Der Wind ließ ein gelbes Lindenblatt auf den leeren Tisch kreiseln. „Ich muss jetzt los. Meine erste Schicht fängt gleich an.“

„Na, denn.“ Mit einem Schulterzucken stand Heiner auf. „Viel Glück, mein Bester. Vielleicht gibt’s da ja ‘ne hübsche Schwester? Oder zwei?“

„Wenn, sag ich dir Bescheid.“

*

Dass Nick an seinem ersten Tag als Pfleger im Seniorenheim ausgerechnet Nachtschicht hatte, ließ viele Fragen offen. Die Nacht war etwas anderes als ein geregelter Tagesablauf, in den einen die diensthabenden erfahrenen Kollegen einweisen und mit den Bewohnern bekanntmachen konnten. Andererseits gab ihm das die Stille, nach der er sich sehnte, und die ihm erlaubte, sich einzufühlen in einen Ort, an dem sich die Zeit kondensierte.

Er klingelte, nahm die Treppe zwei Stufen auf einmal und trat in die dämmrige Eingangshalle, an die er sich von seinem Vorstellungsgespräch her erinnerte. Das war bei Tag gewesen, Neonlicht hatte den Raum erhellt und alles war voller Geschäftigkeit, Stimmen, Schritte, Gesten. Jetzt, verlassen und dunkel, wirkte alles anders. Sedimente gelebter Jahrzehnte nisteten in den staubigen Gardinen, polierten die Armlehnen der Sessel und klebten an abgegriffenen Buchrücken. Nick sammelte drei leere Kaffeetassen mit kalten Resten ein, die einsam auf einem Tisch standen. Das Licht einer Straßenlaterne fiel durch einen Spalt und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein verlorenes Taschentuch, das wie ein kleines Gespenst am Knauf einer Schranktür hing. Er pflückte es, faltete den dünnen Stoff säuberlich zusammen.

Nick wollte die Tassen in die Küche bringen und dann Schwester Bärbel im Büro nach Anweisungen fragen, als er ein Geräusch hörte. Ein leises Schnauben, ein Atmen. Oder nur Einbildung?

Er lauschte. Da war was. Von irgendwo unten her. Die grelle Deckenlampe, deren Licht er vorhin verschmäht hatte, schaltete er nun doch ein.

Das Klavier räusperte sich.

Behutsam näherte sich Nick, nahm eine Bewegung wahr. Vorsichtig schob er den Klavierhocker beiseite. Aus dunklen, glänzenden Augen traf ein erstaunter Blick den seinen. Eine kleine, zierliche Frau, eingehüllt in einen langen Schal aus himmelblauem Plüsch, kauerte unter der Tastatur, zwischen die Pedale und das rechte Klavierbein gedrückt. Nick dachte an ein Eichhörnchen, das sich gegen den Winterwind stemmt.

„Hallo“, sagte er.

Die Augen fixierten ihn prüfend, eine kleine Hand griff fester in das Ende des himmelblauen Schals. „Wann kommt Karl?“, fragte eine leise Stimme.

„Ich weiß es nicht. Aber wenn Sie hervorkommen, können wir Schwester Bärbel fragen. Ich bin Nick.“ Er streckte ihr eine Hand hin.

Nichts rührte sich. Nur dieser blanke Blick hielt seinen fest.

*

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Patricia Koelle: Die Nacht ist ein Klavier
Patricia Koelle
Die Nacht ist ein Klavier
Kurzroman
ISBN 978-3-939937-16-6

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Viktorias blauer Garten

Sternhyazinthe

Viktorias blauer Garten

© Patricia Koelle

Blumen Blüten Blau Sternhyazinthe

Die Menschen, die an der Hecke vorbei durch den lärmenden Stadtsommer eilten, verlangsamten unwillkürlich ihren Schritt. Vielleicht war es der Duft, der als unsichtbare Überraschung herüberwehte, oder auch die Ahnung von Stille, die dahinter heimlich einen Sieg errungen hatte.

Es war keine ordentliche Hecke. Wie von einem frischen Wind zerzaust stand sie in der staubschweren Junihitze und sprach ungeniert vom Frühsommerhimmel, denn sie war garniert mit zwei verschiedenen Sorten blauer Blüten. Sie bestand aus Sommerfliederbüschen, die ihre blauen Rispen kreuz und quer in die Gegend reckten, und oben darauf turnten auf ganzer Länge Trichterwinden herum und richteten unübersehbare Trompeten in alle Richtungen wie einen stummen Widerspruch gegen Abgase und Motorengebrumm. Viktoria nutzte jeden Platz doppelt, den ihr winziger Vorgarten bot. Darum kletterte auch eine Waldrebe bis in den Wipfel des Apfelbaums, so dass nachtblaue Blüten wie gute Sterne über den Früchten standen, die noch nicht mehr als kleine grüne Versprechen waren.

Viktorias Vorgarten war kaum mehr als eine verlängerte Terrasse vor ihrer dunklen Parterrewohnung. Es wirkte als strecke das Haus dem Stadtgrau frech die Zunge heraus, und so empfand es auch Viktoria. Allerdings sah man diesen Triumph von außen nicht; es blieb ihr Geheimnis, das sie nur gelegentlich mit einem Mann aus ihrer Erinnerung teilte. Sie trotzte der engen Straße, indem sie den Garten in eine blaue Schüssel verwandelte, in der sie das Licht und die Weite des Himmels fing, die Kühle der Dämmerung und die weiche Stille der Nacht. Den Gerüchen nach Benzin, Hundekot und altem Frittieröl setzte sie eine Mauer aus Hyazinthen-, Veilchen-, Heliotrop- und Fliederduft entgegen.

Der Sommer hatte den Frühling gerade erst beiseite geschoben und Viktoria war dabei, verblühtes Männertreu und Vergissmeinnicht durch Glockenblumen und Jungfer-im-Grünen zu ersetzen, die sie vorsichtig mit bloßen Händen aus der Saatschale barg und ihnen einen Platz zu Füßen des Rittersporns zuwies, der sich dicht gedrängt in sämtlichen Blauschattierungen auf dem sonnigsten Platz in die Höhe wagte. Daneben plätscherte zwischen Kornblumen ein winziger solarbetriebener Terrakottabrunnen. Er spülte die wenigen Stadtgeräusche fort, die sich über die Hecke gewagt hatten. Unter dem blaubesternten Apfelbaum standen zwischen Büscheln später Iris ein Tisch, gerade ausreichend für einen Kuchenteller und eine Tasse, und ein Stuhl, von welchem auf dem Sitz die blaue Farbe abzublättern begann. Während sie behutsam Erde um zerbrechliche Wurzeln herum andrückte, sah Viktoria wie so oft ganz deutlich Jonas dort sitzen. Dass die siebenundzwanzig Jahre alte Erinnerung an ihn manchmal konkrete Gestalt annahm, hatte sie anfangs noch erschreckt; nun war sie daran gewöhnt und empfand ihn als angenehme Gesellschaft. Er passte einfach so gut hierher. Irgendwann hatte sie auch aufgehört darüber zu grübeln, ob Jonas vom Garten angelockt wurde oder ob sie in dieser Hoffnung den Garten genau so gestaltet hatte, weil Blau seine Farbe war. Hier liefen nun die Jahreszeiten wie eine Meereswelle über die wenigen Quadratmeter im Betonozean der Stadt. Das begann im März mit Krokussen, Primeln und Hasenglöckchen und endete im Oktober mit einem Feuerwerk aus Kugeldisteln und blauen Astern.

Das Meer, Jonas‘ Blick und die Weite am Horizont – damals war ihr alles wie ein Rausch dieser einzigen Farbe erschienen. Obwohl seine Augen gelegentlich auch grau sein konnten wie ein nebelverhangener Morgen über dem Fjord. Sie hatte kein Foto aus jenem Sommer, doch wenn sie hier im Garten Jonas‘ Erinnerung begegnete, war er lebendiger als jedes Bild.

Sie waren beide allein unterwegs gewesen, in einer Pause vom Leben. Gleich hinter der Grenze zu Dänemark waren sie sich begegnet, in der Wechselstube, und dann erneut auf dem ersten Campingplatz. Von da an waren sie gemeinsam weiter gezogen, jeder mit seinem Zelt, entlang der ganzen dänischen Küste bis hinauf nach Skagen. Sie sah Jonas noch immer ganz nah vor sich, wie er auf einem Felsen stand und in strahlendem Jubel die Arme zum Himmel hob, das kalte klare Blau des Skagerraks hinter sich, auf das sich trotz der späten Stunde kein Abend senken wollte, und das Licht in seinen Augen, das sie glücklich im Innersten traf wie die Berührung, die es nie gab.

Eine Frau, von der er nur einmal sprach, spielte eine Rolle in seinem Leben, und außerdem waren Viktoria und Jonas beide mitten in einer Ausbildung an verschiedenen Enden des Landes. Eine gemeinsame Zukunft kam gar nicht erst zur Sprache. Doch die leuchtende Kameradschaft jener Urlaubstage, die Geschichten, die sie nachts von Zelt zu Zelt in die Dunkelheit spannen wie silberne Fäden des beginnenden Altweibersommers, das Barfußlaufen im morgenkalten Sand und das Treibenlassen in den Wellen am Anfang und am Ende der langen hellen Tage reichten aus, um großzügige und leichte Träume in Viktoria zu wecken, als hätten ihre Gedanken einen neuen, endlos weiten Raum gefunden.

Nach ihrer Rückkehr lenkte sie sich ab, indem sie das schmutzigkahle Stück Erde vor dem Haus in einen Garten verwandelte. Mit den Blumen pflanzte sie ihre jungen Träume, die über die Jahre unverrückbar tiefe Wurzeln schlugen, ungeniert wuchsen und Ableger ins Leben trieben. Erst nach einiger Zeit bemerkte Viktoria, dass sie nur blaue Blüten für ihre Beete ausgewählt hatte. Sie beließ es so, weil die ruhige Kühle, die davon ausging, ihr wohl tat und die Erinnerung an Jonas und den Meersommer sich darin wohl zu fühlen schien. Am Ende waren alle Farben des Himmels hier zu Hause.

Es hatte noch Männer gegeben in ihrem Leben seitdem. Der eine hatte ihr eine rote Rose geschenkt und eigenhändig neben den Rittersporn gepflanzt, doch nach wenigen Jahren hatte Viktoria sie aus dem Garten verbannt. Die Farbe war ihr zu laut und blieb fremd. Später überreichte ihr ein Anderer einen Goldregen, dem sie auch eine Weile einen Platz gewährte. Doch dann wurde ihr das Gelb zu erdrückend und sie trennte sich auch davon.

Für Viktoria verlor eine Zeit nicht ihre Gültigkeit, nur weil sie längst vorbei war. Jonas blieb so wirklich, wie er jemals gewesen war. Ja, in letzter Zeit hatte sie sogar bemerkt, dass er mit ihr gemeinsam alterte. Er saß ein wenig gebeugter auf dem Stuhl, und wenn die Sonne tief stand, glänzte das weiße Haar an seinen Schläfen. Das Licht warf auch kleine Schatten in seinem Gesicht wenn es die Fältchen um seine Augen fand. Es war gut so; so wurden Jonas und Viktoria sich nicht fremder.

Allerdings sah er ihr nie direkt in die Augen. Sein Blick ging immer ein wenig an ihr vorbei, in die Weite über die Hecke hinweg in die Welt draußen. Sie nahm an, dass er sie nicht so sah wie sie ihn.

Doch die Bienen summten im Sommerflieder, und zusammen mit dem Plätschern des Brunnens klang es wie leises Rauschen von altem Wind und fernen Wellen. Viktoria setzte sich ins Gras, um Jonas nicht von seinem Stuhl zu verdrängen. Gegen den Apfelbaum gelehnt, schlief sie ein. In der warmen Dämmerung sprach Jonas zu ihr, und die Menschen auf der Straße gingen langsamer, denn es war ihnen als hätten sie ein Flüstern vernommen.

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Viktorias blauer Garten
Drei Liebesgeschichten

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Ein verlorener Tag

Amsel

Ein verlorener Tag

© Patricia Koelle

Vögel Vogelfotos AmselAmselgesang weckt Tina in einen hellwarmen Märztag hinein. Ihr erster Blick fängt Nikos Profil neben ihr auf dem Kissen, der Umriss seiner Nase wie ein Ausrufezeichen hinter dem Morgen. Jedes Mal ist sie dankbar für diesen Anblick. Man kann nie wissen, wie oft er noch da sein wird. Es ist nicht selbstverständlich, dass man alles zu zweit beginnen kann, vor allem einen ganz normalen Tag mit Haaren im Waschbecken, verlorenen Pantoffeln und Brötchen mit Erdbeermarmelade. Dass jemand da ist, der einem einen Kuss auf den Nacken setzt und den Gürtel in der hinteren Schlaufe gerade rückt, wenn der sich mal wieder verdreht hat.

Dass Niko sie anlächelt, nur so, wenn sie sich begegnen, auch wenn sie nur eine Kaffeetasse in die Küche getragen hat und höchstens zwanzig Sekunden aus dem Zimmer war. Dass er in der Gärtnerei im selben Augenblick nach genau demselben Primeltopf greift. Dass er irgendwann das Bettenbeziehen übernommen hat, ohne je ein Wort darüber zu verlieren, weil er weiß, dass sie die Knopflöcher an den Bettbezügen zu klein findet und nicht leiden kann.

Dafür saugt sie den Schmutz weg, den er jeden Tag ins Schlafzimmer bringt, weil er in all ihren elf gemeinsamen Jahren erst dort seine Straßenschuhe gegen die Pantoffeln tauscht und sich dann über die Spuren auf dem Teppich wundert. Ohne diese Erdkrümel würde Tina etwas fehlen. An den Krümeln sieht sie, dass die Tage vergehen wie sie sollten, mit Niko und viel Leben darin.

Dieser Märztag ist ein Sonntag, kein Wecker und keine Arbeit reißt sie auseinander. Tina kann warten, bis auch Nikos Blick aufwacht und Niko sich zu ihr dreht und den Arm um sie legt und sie sich aneinander wärmen, ehe sie dem Tag entgegengehen. Sie freuen sich auf diesen Tag, nicht weil etwas Besonderes in ihm zu erwarten ist, sondern weil es ihn gibt und er ihnen gehört und er der Anfang vom Frühling sein könnte, da die Amsel so nachdrücklich singt.

Am Frühstückstisch teilen sie sich die Zeitung und das Staunen über den schnellen Wechsel von späten Schneeschauern und warmer Sonne vor dem Fenster. Sie stehen an die Heizung gelehnt und zählen die Krokusse draußen im neuen Beet, überlegen, wo sie in diesem Jahr die Sonnenblumen pflanzen sollen, damit die Schnecken nicht wieder alle auffressen.

Dann trägt Niko den Mülleimer hinaus, und als er wiederkommt, ist alles anders.

„Wie kann dir so was passieren? Wie kann man nur so dumm sein?“, schreit er sie an. Er hält ihr einen Brief vor, den er draußen im Laub unter dem Apfelbaum gefunden hat. Ein wenig feucht ist er, eine Spur Erde haftet an der Ecke neben der Briefmarke, sonst ist er unbeschädigt.

Tina fühlt, wie ein Riss durch alles geht und der Boden unter ihren Füßen ins Rutschen gerät. Sie weiß, dass Niko ein wenig jähzornig ist, immer dann, wenn sie es am wenigsten erwartet. Ebenso weiß er, dass sie manchmal unordentlich ist oder ihre Gedanken ganz woanders sind als sie selbst.

Das ist bei ihnen beiden eben so, so wie das junge Gras grün ist und die Ostereier bunt sind. Sie haben versucht sich zu ändern, aber es gelingt nur ansatzweise, verschwindet auch wieder, so wie die neue Farbe am Gartenzaun sich nach einer Weile löst.

Der Brief ist ein Bankbrief, nicht sehr wichtig, aber eben auch nicht ganz unwichtig. Er muss Tina vor ein paar Tagen aus der Hand geflattert sein, als es so stürmisch war und sie schnell wieder ins Haus gerannt ist mit dem dicken Stapel Post aus dem Kasten am Tor. Er wird in der Zeitung gesteckt haben und ist herausgerutscht und für den Wind zum Spielzeug geworden, der das blaue Kuvert dann achtlos unter dem Apfelbaum liegen ließ. Jetzt hat er es in einer neuen Laune Niko direkt vor die Füße geweht. Natürlich hätte es auch für immer verschwunden bleiben können oder einem Unbefugten in die Hände geraten.

Tina entschuldigt sich, kann es aber nicht lassen anzumerken, dass Niko das hätte auch passieren können, wenn er derjenige wäre, der die Post hereinholt. Die Worte lassen sich einfach nicht verschlucken, sie witschen aus ihr heraus, ehe sie sie festhalten kann. Sie nehmen nur noch mehr Licht aus dem Morgen.

Er wäre nie so blöd, sagt er, weil seine Wut, von der er gar nicht weiß, woher sie kommt, noch keine Zeit hatte, wieder klein zu werden. Er weiß ja, dass diese Wut viel größer ist als der alberne Brief, und er ärgert sich über sich selbst. Darum ist es auch nicht gut, dass Tina, in die von seiner Wut etwas hinübergeschwappt ist, ihn einen Macho nennt. Das ist ungerecht, sie wissen es beide, aber auch er war ungerecht.

Eigentlich ist es ihnen schon wieder egal, der Brief und der Ärger sind so winzig, wenn man sie auf die Waage legt, gegen das, was sie sonst haben, gegen die Zärtlichkeit nämlich, das blinde Verstehen, die gemeinsamen Wege, die Erinnerungen und die Hoffnungen.

Aber die Wut ist langsamer und noch übrig, schwappt in ihnen und um sie herum wie eine Flutwelle aus zähem Schlamm und weiß nicht, wohin sie ablaufen soll. Aus der Wut wird Schweigen, bodenloses, hässliches Schweigen, und ein dumpfer Schmerz wie eine Prellung, als wären sie mit dem Gesicht gegen eine geschlossene Glastür gerannt, jeder von einer Seite.

Er dreht im Wohnzimmer die Musik auf volle Lautstärke und sagt, er wolle seine Ruhe haben.

Sie geht in ihr Zimmer am anderen Ende vom Haus, sitzt eine Weile ganz still. Als sie Angst bekommt zu zerspringen, wenn sie noch länger auf ihren Atem und die Leere lauscht, fängt sie an zu bügeln. Erst ihre Blusen, dann seine Hemden, aber die Hemden machen sie traurig, weil sie ihn darin sieht und spürt, und dabei er ist doch so erschreckend weit weg.

Als die Hemden ein säuberlicher Stapel sind, viel glatter als ihre Gedanken, geht sie nach Niko sehen, lugt vorsichtig um die Ecke. Ihre Wut ist verdampft, zusammen mit dem Wasser aus dem Bügeleisen. Jetzt ist da noch die Traurigkeit, die aber schwer wiegt, so schwer, dass sie sie keine Sekunde länger allein tragen mag.

Niko sieht sie, ohne den Kopf zu wenden. Er macht keinen Schritt, dreht nur die Musik noch lauter.

Später sieht Niko seinerseits nach Tina, wirft einen behutsamen Blick in ihre Tür. Sie wendet den Blick auf die Bügelwäsche und ihm den Rücken zu.

Er holt sich eine Strickjacke aus dem Winterschrank, ihm ist unerklärlich kalt.

Irgendwann fragt sie ihn, ob er essen wolle, und bekommt nur ein Knurren. Sie kocht wie immer, klammert sich an der Gewohnheit fest und am Löffel. Sie ruft, ohne Antwort. Isst drei Bissen ohne Appetit und stellt für ihn einen sorgsam zugedeckten Teller auf die Wärmeplatte, gefüllt bis zum Rand und mit einer Blume aus Ei und Petersilie dekoriert.

Dann geht sie in den Garten, zieht das erste Unkraut heraus. Niko hat die Vögel gefüttert, den ganzen Winter lang, und Tina hat auf dem Sofa auf seinem Schoß gesessen und sie beobachtet. Die Kerne, die heruntergefallen sind, werden jetzt zu kleinen grünen Versuchen, aber sie kann es ihnen nicht erlauben, denn an diese Stelle sollen ja die Sonnenblumen. Tina kann sich nicht konzentrieren, sie wartet auf Nikos Schritt, und darum bleiben manche von den kleinen grünen Versuchen stehen und zielen weiter Richtung Himmel.

Als es zu regnen beginnt und ein scharfer Wind aufkommt, ist sie ganz sicher, dass Niko jetzt kommt und sie hereinholt oder ihr wenigstens den Regenmantel bringt, aber als sie durchs Fenster schielt, schaltet er zwischen Fußball und dem Wetterbericht hin und her.

Sie macht einen Schritt ins Haus und dann doch wieder zurück. Drin ist ihr, als wäre sie in die alte Presse geraten, in der sie im letzten Jahr Herbstblätter getrocknet hat, um Bilder daraus zu machen.

Die Straße hinunter gibt es einen schmalen Wald und einen langsamen Bach, der sich in die Erde gegraben hat. Die Sonne hat den Schauer wieder verdrängt. Tina hockt sich an den steilen Abhang und sieht auf das Glitzern im Wasser. Sie wickelt sich in ihre Arme, hofft, dass die Sonne, die schon tief Richtung Abend gerutscht ist, den bitteren Raureif in ihr verwischt.

„Alles in Ordnung?“, fragt ein älterer Mann, der mit seinem Schäferhund vorbeigeht und leicht und sorglos aussieht.

Sie sieht zu ihm auf, weiß nicht, was sie antworten soll. Kann doch nicht ja sagen, es wäre so ungeheuer gelogen. „Die Weidenkätzchen blühen schon“, sagt sie schließlich, weil es die Wahrheit ist.

„Ja, endlich Frühling“, stimmt er zu und geht weiter.

Aber sie will den Frühling da haben, wo er hingehört, zwischen Niko und ihr soll er wieder sein, jetzt sofort. Was soll sie sonst machen mit ihrer Sehnsucht, die unerträglich, atemlos und wundervoll zugleich ist. Sie wird zu Niko gehen, ob er möchte oder nicht. Die Sonne fällt schon hinter die Häuser. Wenn sie sich nicht wiederhaben, ehe es Nacht wird, wer weiß, ob sie ihn je findet.

Doch sie kann sich auf einmal nicht rühren, etwas lähmt sie, etwas in dem Abendschatten, der über den Bach kriecht, immer näher kommt. Es ist eine Trauer, die viel größer und dunkler ist als die Traurigkeit von vorhin. Sie spürt, dass jemand gestorben ist. Oder etwas.

Der alte Herr mit Hund kommt von seinem Spaziergang zurück. Der Hund ist nass, müde und zufrieden.

„Sie sitzen ja immer noch da“, sagt der Mann und setzt sich auf einen Stein, ein Stückchen entfernt von ihr. Der Hund legt sich daneben. Beide sehen Tina sie sich an, mit einer freundlichen Frage in den Augen.

Tina holt tief Luft. „Wir haben uns heute früh gestritten, mein Mann und ich“, sagt sie, als reiche das als Erklärung.

„Und Sie sind sehr traurig“, sagt der alte Herr. Der Hund wedelt einmal mit dem Schwanz.

„Schlimmer. Es ist ein Gefühl, als wäre jemand gestorben“, sagt Tina.

„Ja“, sagt der alte Herr. „Es ist der Tag. Dieser Tag, der euch beiden gehört hätte, ist gestorben, ohne Licht darin. Ihr habt ihn nicht gelebt. Habt ihn einfach weggeworfen.“ Seine Stimme ist leise, aber deutlich, und jedes Wort bohrt schmerzlich in Tina herum. „Andere Dinge, die man verliert, kann man wiederfinden. Diesen Tag niemals. Du kannst um die Welt reisen und wirst ihn niemals einholen. Er ist für immer verloren.“

Der Hund hebt den Kopf und knurrt einmal.

„Du kannst ihn durch keinen anderen ersetzen“, fährt sein Herr unerbittlich fort. „Egal, was ihr anstellt. Ihr könnt noch vierzig Jahre miteinander aufwachen und jeden Tag mit einem Lächeln beginnen, ihn Hand in Hand verbringen und abends mit Kerzenlicht und einem langen Kuss beenden, aber diesen hier werdet ihr nie wiederbekommen. Wenn ihr eines Tages auseinandergehen müsst, wird er in eurer Geschichte fehlen. Ein Loch darin sein.“

Tina scharrt nervös mit der Hand in der feuchten Erde, ohne es zu merken.

„Seht euch vor“, sagt der alte Herr und steht mühsam auf, „dass es nicht zu viele davon werden.“ Er stützt sich einen Moment auf seinen Hund, dann gehen beide auf den Weg zurück. Jetzt erst fällt Tina auf, dass er wirklich sehr alt ist. Sein Rücken ist gebeugt und sein Atem kurz. „Und übrigens“, sagt er noch, „Jemand anderes hätte diesen Tag vielleicht dringend gebraucht.“ Dann verschlucken ihn die Schatten.

Tinas Trauer bleibt und mischt sich mit Entsetzen. Sie blickt hinunter und kann in der Dämmerung gerade noch erkennen, dass ihre Hand einen Hügel wie ein kleines Grab gescharrt hat. Sie steckt zwei winzige Äste zu einem Kreuz darüber und legt ein Gänseblümchen darauf, das seine Blütenblätter in der feuchten Abendluft schon geschlossen hat.

Dann springt sie auf und rennt dahin, wo Niko ihr schon mit offenen Armen entgegeneilt und sie so fest und lange hält, dass sie weiß, es ist ihnen nichts verloren gegangen.

Außer diesem Märztag.

Noch lange danach huscht der für immer verlorene Tag und ihr Erschrecken darüber durch Tinas Leben wie ein Gespenst. In keinem Frühjahr pflanzt sie Sonnenblumen, ohne an die Samen zu denken, die sie an jenem Tag nicht mit Niko gesät hat. Wenn sie Nikos Hemden bügelt, flackert eine Trauer in ihr auf. Und wenn sie gekocht hat, freut sie sich darüber, dass sie nicht allein am Tisch sitzt.

Sie streiten sich weiterhin hin und wieder, über alle Jahrzehnte hinweg, denn Niko ist ein wenig jähzornig und Tina unordentlich und mit ihren Gedanken gelegentlich ganz woanders, und das ändert sich nicht, so wie der Gartenzaun an derselben Stelle bleibt, egal welchen Anstrich er bekommt.

Und doch gehen sie sorgsamer mit der Zeit um und morden nie wieder einen ganzen Tag, der ihnen anvertraut worden ist.

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Patricia Koelle, Geschichten, Kurzgeschichte, Amsel, Frühlingsgeschichte, Liebesgeschichte