Liebe, Lachs und Anderwann

Liebe, Lachs und Anderwann

© Patricia Koelle
 

Patricia Koelle: Liebe, Lachs und AnderwannZwischen den Eichenblättern vom letzten Herbst, die unter ihren Sohlen tuschelten, lag Zeit auf dem Weg. Emi überlegte, was sie damit anfangen sollte. Die Grabsteine rechts und links schwiegen beharrlich. Kein stiller Gruß von Max war ihnen zu entlocken. Nur zwei Amselmänner tobten schimpfend dazwischen herum und rauften sich um ein Weibchen, das mit großen Augen zusah.
„Im Frühling zu streiten ist immer noch besser, als im Frühling allein zu sein“, hatte Max einmal gesagt.
Jetzt war Emi doch allein mit den blühenden Schlüsselblumen, dem hohen frischgewaschenen Himmel und dem Hochzeitsgezwitscher der Meisen. Sie hatte Angst, die letzte Erinnerung an den Klang seiner Stimme würde mit den krümelnden Blättern unter ihren Schritten endgültig verwehen. Und sie konnte sich noch immer nicht vorstellen, mit jemand anderem als Max zu streiten, zu lachen oder sonst was anzustellen, ob im Frühling oder anderwann.
„Anderwann, das gibt es nicht. Du kannst nicht immer Wörter erfinden!“ Max hatte sie deswegen ausgelacht. Er war Architekt. Er nahm es genau. Das sah sie ein; seine Bauzeichnungen mussten exakt stimmen. Aber sie handelte mit Büchern. Sie musste sich nicht an seine Regeln halten.
„Es gibt ein Anderswo, also gibt es auch ein Anderwann. Im Antiquariat habe ich einmal ein Buch mit diesem Titel verkauft!“
„Und wann soll dieses Anderwann sein?“
Musste man ihm denn alles erklären?
„Na eben nicht jetzt. Dazwischen. Früher. Später. In der Wirklichkeit, im Traum oder in der Hoffnung. Je nachdem. Ich stelle es mir wie ein Nachbarland vor. Ein helles Land, in dem man etwas Anderes ausprobieren kann, weil man eine andere, zweite Zeit zur Verfügung hat.“
Kopfschüttelnd hatte sich Max an seinen Schreibtisch verzogen.

„Autsch!“ Eine Eichel war in ihren Schuh gehüpft. Sie stützte sich auf die Grabstele einer Frau von Tramm, um ihn auszuschütteln, aber der Schuh saß gut und klemmte den drückenden Fremdkörper fest unter ihre Zehen. Sie humpelte zu einer Bank, um ihn auszuziehen.
Dort saß schon jemand. Sie murmelte einen Gruß, war aber zu beschäftigt um hinzusehen.
„Na endlich!“, sagte sie erleichtert, als die Eichel in hohem Bogen ins Gras flog.
„Emilia? Emi Ammer? Biologie, neunte Klasse?“, fragte eine Stimme, die definitiv aus einem längst vergangenen Anderwann kam. Ungläubig sah sie hoch.
Tatsächlich. Diese hellbraunen Augen mit dem Schalk darin! Er war nie besonders auffällig gewesen, ihr alter Lehrer, der gar nicht alt war. Mittelgroß, mittelbraune Haare, unauffällige Nase. Aber die verschmitzten Augen blieben ihr im Gedächtnis und seine Geste, wie er beim Erklären immer mit halb zum Greifen gespreizten Fingern wie ein Magier die erstaunlichsten Fakten aus der Luft holte. Dass bei Seepferdchen die Männer schwanger werden und es Fische gibt, die im Dunkeln leuchten, und Raupen, die einen Hut aus ihrer eigenen abgelegten Haut tragen.
„Herr Siebentritt …?“
„Genau der. Schön, dich zu sehen. Passt zum Frühling. Wie lange ist das her seit der neunten Klasse?“
Sechzehn war sie gewesen. Sechzehn und verknallt. In ihren Biologielehrer. „Siebzehn Jahre.“
Die Zahl hing groß zwischen ihnen. Erschreckend. Unglaublich! Emi überlegte fieberhaft, wo diese Menge Jahre geblieben waren. Hatte Max sie mitgenommen in sein stummes Anderswo, in dem es kein Anderwann mehr gab?
In diesem Augenblick, mit der vertrauten Gestalt Herrn Siebentritts neben sich und der unveränderten Geste, mit der er die unsichtbare Zahl aus der Luft wischte, hatte es diese Jahre nie gegeben.
„Da war ich achtundzwanzig. Und du warst verknallt in mich“, erinnerte sich Herr Siebentritt mit einem Schmunzeln im Mundwinkel.
„Das haben Sie gemerkt?“
„Du hast eine wilde Rose in dem Strauß versteckt, den du mir auf der Wanderung in der Lüneburger Heide gepflückt hast. Die anderen haben auch Sträuße gepflückt, aber sie haben die Rosen nicht versteckt.“
Für einen Moment dieses kühlen hellgrünen Frühlingstages war sie wieder diese verlegene Sechzehn, trug ein gelbes Kleid und Mückenstiche am Knie und pflückte auf der sommerwarmen Heide Ginster, Margeriten und Glockenblumen, Bienengesumm im Ohr, honigsüßen Kleeduft in der Nase und Lerchenzwitschern im weiten blauen Oben. Diese bunten Splitter aus anderen Zeiten waren irgendwo im Keller ihrer Gedanken unter Spinnweben begraben. Mit Max war immer Gegenwart gewesen. Die Anwesenheit Herr Siebentritts aber wischte den Staub von ihnen.
Wenigstens war Verlegenheit schon lange nicht mehr ihr Problem.
„Und dann das eifrige Strahlen, mit dem du dein Referat über die Alveolen gehalten hast“, erinnerte er sich.
„Ja, in dem Alter kann man sogar Lungenbläschen als romantisch ansehen.“ Damals hatte sie es hinreißend gefunden, wie er das Wort aussprach. Al-ve-o-len. Er hatte eine lakritzweiche, dunkle Stimme wie der Märchenerzähler auf dem Weihnachtsmarkt. Immer noch. „Ich war hauptsächlich in Ihre Lachfalten verliebt. Die in den Augenwinkeln aussahen wie ein halber Stern am Ende eines Weges. Ich hätte sie gern angefasst.“
Oh ja, der Schalk wohnte immer noch in seinem Blick. Auch wenn die Jahre an seinen Schläfen inzwischen Raureif hinterlassen hatten.
Vorhin noch hatte ihr die Zeit Angst gemacht, über die sie auf dem Weg gestolpert war. Sie hatte so leer ausgesehen. Jetzt füllte sie sich.
„Warum bist du hier?“, fragte er. „Sollte ich jetzt nicht eigentlich ‚Sie‘ sagen? Oder du sagst Hugo zu mir.“
„Bitte nicht. Es fühlt sich falsch an. Ich bin hier, weil ich Max besucht habe. Meinen Mann. Abteilung 38, Reihe fünf a. Seit zwei Jahren.“

„Was ist passiert, Emi?“ Seine leise Frage löschte die Stille, die sich für einen Moment zwischen sie auf die Bank gesetzt hatte.

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Patricia Koelle: Liebe, Lachs und Anderwann
Patricia Koelle
Liebe, Lachs und Anderwann
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Ein ganz normaler Mittwoch beginnt mit einem Lachsbrötchen, das unerwartete Folgen hat.
Emi und Hugo trauern beide um eine verlorene Liebe. Um gegen seine Verzweiflung anzugehen, hat Hugo einen besonderen Tag geplant. Als er zufällig Emi trifft, bittet er sie spontan, ihn dabei zu begleiten. Zusammen entdecken sie, was für Überraschungen unter einem Strohhut liegen können und dass sich im Großstadtdschungel nicht nur Krokodile besiegen lassen.

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Patricia Koelle, Kurzroman, Erzählung, Liebe, Lachs, Anderwann

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Die Nacht ist ein Klavier

Die Nacht ist ein Klavier

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Nacht ist ein Klavier„Geschlossen.“

Nick hockte im Nieselregen an einem der klebrigen Tische vor seinem Stammlokal und starrte auf das Schild an der Tür. Wie wunderbar klar man etwas mit einem einzigen Wort sagen konnte!

Isa hatte sehr viel mehr Wörter benutzt um ihn in die Wüste zu schicken. Die Wüste, in die er ihrer Meinung nach ihr Leben verwandelt hatte. Sie hatte vierundfünfzig Minuten lang geredet. Er fragte sich, wie viele Wörter wohl vierundfünfzig Minuten füllten. Ein schlichtes „Geh!“ hätte es auch getan und zu demselben Ergebnis geführt: dass er seine Zahnbürste, seine Wäsche und seine Bücher einpackte, Isa den Schlüssel zurückgab, den sie ihm vor zwei Jahren an den Weihnachtsbaum gehängt hatte, und ihr mit einer verlegenen Umarmung Glück und einen Mann wünschte, der ohne Schlaf auskam.

Zum Glück hatte er seine Ein-Zimmer-Bude nie ganz aufgegeben, hauptsächlich weil bei Isa keine Lücke für seine Sachen war. In ihrer Wohnung hatte er oft das Gefühl, er müsste schon morgens durch eine Schicht Worte waten wie durch frisch gefallenen Schnee.

Anfangs hatte sie ihn bezaubert mit ihren genauen Beschreibungen, mit den Geschichten, die sie über alles und jeden erzählte, mit der Art wie sie alle Satzzeichen durch ein fröhlich daher hüpfendes Lachen ersetzte. Und mit ihrer Unternehmungslust. Jeden Abend verführte sie ihn, irgendwohin zu gehen, wo etwas los war, wo Menschen und Gespräche und Bewegung den Raum füllten. Es war gut für ihn. Das Leben war lebendig, aufregend und bunt mit Isa.

Doch nachdem er seine Ausbildung zum Pfleger abgeschlossen und einige Monate in der Klinik gearbeitet hatte, wurde ihm klar, dass ihm das nicht genügte. Er wollte mehr wissen. Er wagte ein Medizinstudium. Isa sah das gern, gab reichlich damit an. Aber das Studium wurde stetig aufwändiger, sog die Kraft und die Zeit aus Nicks Tagen. Er musste auch Geld verdienen, arbeitete weiterhin nebenbei als Pfleger, übernahm Nachtschichten, weil er dabei büffeln konnte. Isa musste meist allein ausgehen, und wenn sie Nick hinterher davon erzählte, war er schon nach dem Vorwort eingeschlafen. Wenn Isa beim Erzählen wild gestikulierte war ihm, als ob ihre roten Fingernägel Spuren auf seiner Netzhaut hinterließen wie die Sonne, wenn man zu lange hineingesehen hat. Die Bilder, die sie in die Luft malte, flimmerten noch in seinen Träumen und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Blieb Isa ihm zuliebe zuhause, war sie unglücklich. An Ruhe erstickte sie.

Nick und Isa waren auf Dauer schlichtweg nicht kompatibel.

Und jetzt saß er hier und beneidete ein Türschild um seine klare Einfachheit.

*

Das Schild bewegte sich plötzlich, schwang mit der Tür vor und zurück. Heiner, Nicks alter Schulkamerad, dem das Lokal gehörte, steckte den Kopf heraus und blinzelte in das nasse Dämmerlicht. „Was machst du da? Du weißt doch, dass heute Ruhetag ist! Eigentlich bin ich gar nicht hier. Brauchst wohl’n Schnaps, so wie du aussiehst? Geht aufs Haus!“

„Nee, danke. Mein Dienst fängt gleich an.“

„So schnell schon ein neuer Job? Gratuliere. Wie wär’s dann mit einem Eisbecher? Schokoeis ist gut gegen Liebeskummer.“

„Bin ich ‘n Mädchen?“

„Schokolade wirkt auf beide Geschlechter. Wir geben’s nur nicht zu. Ist dir nicht kalt hier draußen?“

Natürlich war ihm kalt. Immerhin war Anfang Oktober, und ein Sauwetter. Aber Nick wollte einen klaren Kopf bekommen, und außerdem war ihm nach Leiden zumute.

Heiner wischte mit gerümpfter Nase über einen Stuhl, setzte sich widerwillig. „Sie passte nicht zu dir. Vergiss sie!“

Aber ihr Funkeln, mit dem sie sein Leben bestreut hatte wie mit Puderzucker, und die Wärme in ihrer braungebrannten Armbeuge würden ihm fehlen.

„Und? Was ist das für’n neuer Job?“, lenkte Heiner ab.

In der Klinik hatten sie Personal abbauen müssen, und da Nick keine Vollzeitkraft war und außerdem noch nicht lange da, musste er als Erster gehen. Es traf ihn nicht sehr. Auf der Station herrschte ebenso viel Hektik wie bei Isa, ständig war Eile geboten, flogen Befehle hin und her, fiepten und blinkten die Maschinen. Nick hatte zunehmend das Gefühl, dass in ihm eine Zeitbombe tickte. Nicht nur bei Isa gab es zu viele Wörter. Sie tropften auch aus seinen Lehrbüchern, verfolgten ihn zusammen mit Isas Geschichten in seine Träume, rollten in den Vorlesungen wie eine Lawine auf ihn zu. Irgendwo musste es doch Augenblicke der Ruhe geben, in denen er sich an sich selbst erinnern konnte! Darum hatte er keine Zeit verloren, als er die Anzeige in der Morgenzeitung gelesen hatte.

„In einem Seniorenheim. Gleich hier um die Ecke.“

„Hmm. Meinste, ausgerechnet das heitert dich auf?“

„Es heitert mich auf, wenn ich meine Miete bezahlen kann.“ Der Wind ließ ein gelbes Lindenblatt auf den leeren Tisch kreiseln. „Ich muss jetzt los. Meine erste Schicht fängt gleich an.“

„Na, denn.“ Mit einem Schulterzucken stand Heiner auf. „Viel Glück, mein Bester. Vielleicht gibt’s da ja ‘ne hübsche Schwester? Oder zwei?“

„Wenn, sag ich dir Bescheid.“

*

Dass Nick an seinem ersten Tag als Pfleger im Seniorenheim ausgerechnet Nachtschicht hatte, ließ viele Fragen offen. Die Nacht war etwas anderes als ein geregelter Tagesablauf, in den einen die diensthabenden erfahrenen Kollegen einweisen und mit den Bewohnern bekanntmachen konnten. Andererseits gab ihm das die Stille, nach der er sich sehnte, und die ihm erlaubte, sich einzufühlen in einen Ort, an dem sich die Zeit kondensierte.

Er klingelte, nahm die Treppe zwei Stufen auf einmal und trat in die dämmrige Eingangshalle, an die er sich von seinem Vorstellungsgespräch her erinnerte. Das war bei Tag gewesen, Neonlicht hatte den Raum erhellt und alles war voller Geschäftigkeit, Stimmen, Schritte, Gesten. Jetzt, verlassen und dunkel, wirkte alles anders. Sedimente gelebter Jahrzehnte nisteten in den staubigen Gardinen, polierten die Armlehnen der Sessel und klebten an abgegriffenen Buchrücken. Nick sammelte drei leere Kaffeetassen mit kalten Resten ein, die einsam auf einem Tisch standen. Das Licht einer Straßenlaterne fiel durch einen Spalt und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein verlorenes Taschentuch, das wie ein kleines Gespenst am Knauf einer Schranktür hing. Er pflückte es, faltete den dünnen Stoff säuberlich zusammen.

Nick wollte die Tassen in die Küche bringen und dann Schwester Bärbel im Büro nach Anweisungen fragen, als er ein Geräusch hörte. Ein leises Schnauben, ein Atmen. Oder nur Einbildung?

Er lauschte. Da war was. Von irgendwo unten her. Die grelle Deckenlampe, deren Licht er vorhin verschmäht hatte, schaltete er nun doch ein.

Das Klavier räusperte sich.

Behutsam näherte sich Nick, nahm eine Bewegung wahr. Vorsichtig schob er den Klavierhocker beiseite. Aus dunklen, glänzenden Augen traf ein erstaunter Blick den seinen. Eine kleine, zierliche Frau, eingehüllt in einen langen Schal aus himmelblauem Plüsch, kauerte unter der Tastatur, zwischen die Pedale und das rechte Klavierbein gedrückt. Nick dachte an ein Eichhörnchen, das sich gegen den Winterwind stemmt.

„Hallo“, sagte er.

Die Augen fixierten ihn prüfend, eine kleine Hand griff fester in das Ende des himmelblauen Schals. „Wann kommt Karl?“, fragte eine leise Stimme.

„Ich weiß es nicht. Aber wenn Sie hervorkommen, können wir Schwester Bärbel fragen. Ich bin Nick.“ Er streckte ihr eine Hand hin.

Nichts rührte sich. Nur dieser blanke Blick hielt seinen fest.

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Patricia Koelle: Die Nacht ist ein Klavier
Patricia Koelle
Die Nacht ist ein Klavier
Kurzroman
ISBN 978-3-939937-16-6

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Roman, Nacht, Klavier, Kurzroman, Erzählung, Kindle, Liebesroman