Die Einladung

Die Einladung

© Patricia Koelle

An diesem feuchten Junimorgen ging ich barfuß durch den Garten, damit meine Socken und guten Sandalen nicht nass wurden. Ich kann nasse Socken nicht leiden. Doch sofort schämte ich mich, dass ich mir auch an diesem Tag, der doch so unbedingt Elke-Elisa gehörte, Sorgen um meine Socken machte.

Sie hatte die Einladungen eigenhändig unterschrieben und adressiert, mit ihrer klaren Schrift, die ich täglich auf Etiketten, Heftern und Umschlägen im Büro sah. Das war schon lange vor dem Ereignis gewesen; nur das Datum war später hineingestempelt worden, nachdem es feststand. Die Karten waren aus edlem Karton mit einem geprägten Rand. Bestimmt hatte Elke-Elisa noch nie soviel Aufwand um sich betrieben. Sie stand niemals im Mittelpunkt und erwartete auch keine Aufmerksamkeit, wenngleich sie eines der Rädchen war, ohne die das Getriebe der Firma nicht funktioniert hätte. In gewisser Weise war sie sogar die Achse, die alles trug. Doch das Einzige, das sie je an Beachtung einforderte, war, dass man sie nicht einfach Elke nannte. Sie bestand auf Elke-Elisa. Sie wolle nicht halbiert werden, sagte sie einmal.

Sie war erst knapp über fünfzig, aber ihre Haare waren grau, seit ich mich erinnern kann. Sie trug sie kurz und praktisch. Ihr Gesicht darunter wirkte überraschend jung. An ihrer Kleidung fiel nichts ins Auge; ich glaube, es waren grundsätzlich Hosen, Hosen mit Bügelfalten. Was wir aber heute tragen sollten, hatte sie festgelegt. Das heißt, es war eine höfliche Bitte, aber keiner von uns wagte, dieser Bitte keine Folge zu leisten. Kleider sollten es sein, bunte Sommerkleider, nicht feierlich, sondern heiter wie der Blumenschmuck, den sie, ebenso wie die Musik, mit Eifer ausgesucht hatte und in dem Sonnenblumen und blaue und rosa Lupinen eine Rolle spielten. Von den Männern verlangte sie, falls überhaupt einer kam, eine Blume im Knopfloch eines hellen Anzugs.

Es würde das erste Ereignis sein, das ihr allein galt, und sie überließ nichts dem Zufall. Auch über das Menü machte sie sich lange Gedanken. Mir gegenüber erzählte sie einmal etwas von Krabben-Gurkensuppe davor und Sanddorn-Parfait danach, den Hauptgang aber ließ sie in geheimnisvollem Dunkel. Ich wandte damals ein, ob das nicht alles etwas übertrieben sei, zumal sie dafür das teuerste Restaurant im Ort ausgewählt hatte, mit Terrasse und Seeblick. Nein, sagte sie, dieses eine Mal soll es groß sein und hell.

Ich war flüchtig erstaunt gewesen, dass auch Elke-Elisa, die jeden Tag länger als acht Stunden in ihrem engen Büro mit den schmalen Fenstern am Schreibtisch saß, die Fehler ihrer Vorgesetzten und Kollegen mit tiefer Geduld ausbügelte und Kaffee und aufmunternde Worte für jeden bereithielt wie Heftpflaster, ohne selbst jemals über Kopfschmerzen oder die Stromrechnung zu jammern, einmal etwas „groß“ haben wollte.

Dann vergaß ich das Gespräch wieder.

Und jetzt stand ich im morgenneuen Garten und versuchte, einen Blumenstrauß zusammenzustellen, der zu ihr und ihrem großen Tag passen würde. Das war schwerer, als ich dachte. Es schien fast ein Ding der Unmöglichkeit, und dabei war es mir auf einmal so wichtig, dass meine Hand zitterte, als ich die Schere an den Stängel einer frühen Dahlie in den Farben eines Sonnenuntergangs setzte. Vielleicht war es auch nur, weil ich in meinem leichten Kleid fröstelte. Seltsam, ich hatte wohl etwas wie Lampenfieber, so sehr wollte ich, dass wenigstens an diesem Tag alles wunschgemäß schön wurde für Elke-Elisa. Zu meinem Erschrecken kannte ich noch nicht einmal ihre Lieblingsfarbe, dabei hatte ich an ungefähr zweihundertzehn Tagen des Jahres in ihrem Büro ihren Kaffee getrunken. Fragen konnte ich sie jetzt nicht mehr, und auch sonst niemanden; in einer Viertelstunde musste ich los. Undenkbar, heute zu spät zu kommen.

Neben den Sonnenuntergangsdahlien entschloss ich mich für mehrere von den strahlend weißen, sternförmigen. Hell wollte Elke-Elisa es haben. Hell. Dafür passten sie, und dazwischen steckte ich himmelblaue Glockenblumen. Von der Laube hing eine lange Ranke der Schwarzäugigen Susanne herab, voll honiggelber Blüten, wie verschmitzte Augenaufschläge, und nach kurzem Zögern schnitt ich sie ab und wickelte sie wie ein Band um die Stängel. Mein Strauß war fertig, und ich machte mich auf den Weg.

Nie hätte ich damit gerechnet, dass so viele Leute kommen würden. Elke-Elisa musste noch mehr Kaffee gekocht, Akten geordnet und Freundlichkeit wie Konfetti im Alltag verteilt haben, als ich ahnte.

Es waren durchaus Männer darunter, und alle trugen helle Anzüge und eine Blume im Knopfloch. Bei vielen war es eine gelbe Rose oder sogar eine rote.

Auch drinnen war es hell, strahlend hell, wie Elke-Elisa es wollte. Durch die runden Fenster fiel schräg und warm die Junisonne und zielte genau auf Elke-Elisa.

Ich folgte der sommerlichen Menschenmenge, ging leise die drei Stufen hinauf, fügte meinen Strauß den anderen hinzu, die schon zu Elke-Elisas Füßen lagen und schob mich dann still auf eine der strengen Bänke.

Auch den Sarg hatte sie sich selbst ausgesucht, schon bald nachdem sie von ihrer Krankheit wusste. Er war weiß, mit einem Goldrand und goldenen Griffen. Auf der glänzenden Oberfläche spiegelte sich das Licht. Dadurch wirkte er seltsam leicht, so als stünde Elke-Elisa nicht nur drei Stufen über uns auf dem Podest, sondern sei schon halb auf dem Weg nach ganz oben.

Der Pfarrer, der mit dem offenem Heft in der Hand bereitstand, aus dem er Elke-Elisas selbstverfasste Rede vorlesen sollte, wirkte daneben klein und versteckt hinter seinem Pult, als sei er nur der Souffleur, der Elke-Elisa bei ihrem einzigen großen Auftritt behilflich sein würde, sollten ihr die Worte fehlen.

Doch noch spielte die Musik, während wir alle zu Elke-Elisa aufsahen. Es war helle Musik, hell, wie Elke-Elisa es sich gewünscht hatte. Und je länger ich auf den leuchtendweißen Sarg mit den Blumen starrte, desto weniger hatte ich das Gefühl, dass ihr irgendetwas fehlte.

Sollte aber jemand im Jenseits es wagen, sie „Elke“ zu nennen, war ich mir sicher, sie würde ihn höflich darauf hinweisen, dass sie nicht halbiert zu werden wünschte.

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Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Einladung, Garten, Blumenstrauß, Lupinen

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Viktorias blauer Garten

Sternhyazinthe

Viktorias blauer Garten

© Patricia Koelle

Blumen Blüten Blau Sternhyazinthe

Die Menschen, die an der Hecke vorbei durch den lärmenden Stadtsommer eilten, verlangsamten unwillkürlich ihren Schritt. Vielleicht war es der Duft, der als unsichtbare Überraschung herüberwehte, oder auch die Ahnung von Stille, die dahinter heimlich einen Sieg errungen hatte.

Es war keine ordentliche Hecke. Wie von einem frischen Wind zerzaust stand sie in der staubschweren Junihitze und sprach ungeniert vom Frühsommerhimmel, denn sie war garniert mit zwei verschiedenen Sorten blauer Blüten. Sie bestand aus Sommerfliederbüschen, die ihre blauen Rispen kreuz und quer in die Gegend reckten, und oben darauf turnten auf ganzer Länge Trichterwinden herum und richteten unübersehbare Trompeten in alle Richtungen wie einen stummen Widerspruch gegen Abgase und Motorengebrumm. Viktoria nutzte jeden Platz doppelt, den ihr winziger Vorgarten bot. Darum kletterte auch eine Waldrebe bis in den Wipfel des Apfelbaums, so dass nachtblaue Blüten wie gute Sterne über den Früchten standen, die noch nicht mehr als kleine grüne Versprechen waren.

Viktorias Vorgarten war kaum mehr als eine verlängerte Terrasse vor ihrer dunklen Parterrewohnung. Es wirkte als strecke das Haus dem Stadtgrau frech die Zunge heraus, und so empfand es auch Viktoria. Allerdings sah man diesen Triumph von außen nicht; es blieb ihr Geheimnis, das sie nur gelegentlich mit einem Mann aus ihrer Erinnerung teilte. Sie trotzte der engen Straße, indem sie den Garten in eine blaue Schüssel verwandelte, in der sie das Licht und die Weite des Himmels fing, die Kühle der Dämmerung und die weiche Stille der Nacht. Den Gerüchen nach Benzin, Hundekot und altem Frittieröl setzte sie eine Mauer aus Hyazinthen-, Veilchen-, Heliotrop- und Fliederduft entgegen.

Der Sommer hatte den Frühling gerade erst beiseite geschoben und Viktoria war dabei, verblühtes Männertreu und Vergissmeinnicht durch Glockenblumen und Jungfer-im-Grünen zu ersetzen, die sie vorsichtig mit bloßen Händen aus der Saatschale barg und ihnen einen Platz zu Füßen des Rittersporns zuwies, der sich dicht gedrängt in sämtlichen Blauschattierungen auf dem sonnigsten Platz in die Höhe wagte. Daneben plätscherte zwischen Kornblumen ein winziger solarbetriebener Terrakottabrunnen. Er spülte die wenigen Stadtgeräusche fort, die sich über die Hecke gewagt hatten. Unter dem blaubesternten Apfelbaum standen zwischen Büscheln später Iris ein Tisch, gerade ausreichend für einen Kuchenteller und eine Tasse, und ein Stuhl, von welchem auf dem Sitz die blaue Farbe abzublättern begann. Während sie behutsam Erde um zerbrechliche Wurzeln herum andrückte, sah Viktoria wie so oft ganz deutlich Jonas dort sitzen. Dass die siebenundzwanzig Jahre alte Erinnerung an ihn manchmal konkrete Gestalt annahm, hatte sie anfangs noch erschreckt; nun war sie daran gewöhnt und empfand ihn als angenehme Gesellschaft. Er passte einfach so gut hierher. Irgendwann hatte sie auch aufgehört darüber zu grübeln, ob Jonas vom Garten angelockt wurde oder ob sie in dieser Hoffnung den Garten genau so gestaltet hatte, weil Blau seine Farbe war. Hier liefen nun die Jahreszeiten wie eine Meereswelle über die wenigen Quadratmeter im Betonozean der Stadt. Das begann im März mit Krokussen, Primeln und Hasenglöckchen und endete im Oktober mit einem Feuerwerk aus Kugeldisteln und blauen Astern.

Das Meer, Jonas‘ Blick und die Weite am Horizont – damals war ihr alles wie ein Rausch dieser einzigen Farbe erschienen. Obwohl seine Augen gelegentlich auch grau sein konnten wie ein nebelverhangener Morgen über dem Fjord. Sie hatte kein Foto aus jenem Sommer, doch wenn sie hier im Garten Jonas‘ Erinnerung begegnete, war er lebendiger als jedes Bild.

Sie waren beide allein unterwegs gewesen, in einer Pause vom Leben. Gleich hinter der Grenze zu Dänemark waren sie sich begegnet, in der Wechselstube, und dann erneut auf dem ersten Campingplatz. Von da an waren sie gemeinsam weiter gezogen, jeder mit seinem Zelt, entlang der ganzen dänischen Küste bis hinauf nach Skagen. Sie sah Jonas noch immer ganz nah vor sich, wie er auf einem Felsen stand und in strahlendem Jubel die Arme zum Himmel hob, das kalte klare Blau des Skagerraks hinter sich, auf das sich trotz der späten Stunde kein Abend senken wollte, und das Licht in seinen Augen, das sie glücklich im Innersten traf wie die Berührung, die es nie gab.

Eine Frau, von der er nur einmal sprach, spielte eine Rolle in seinem Leben, und außerdem waren Viktoria und Jonas beide mitten in einer Ausbildung an verschiedenen Enden des Landes. Eine gemeinsame Zukunft kam gar nicht erst zur Sprache. Doch die leuchtende Kameradschaft jener Urlaubstage, die Geschichten, die sie nachts von Zelt zu Zelt in die Dunkelheit spannen wie silberne Fäden des beginnenden Altweibersommers, das Barfußlaufen im morgenkalten Sand und das Treibenlassen in den Wellen am Anfang und am Ende der langen hellen Tage reichten aus, um großzügige und leichte Träume in Viktoria zu wecken, als hätten ihre Gedanken einen neuen, endlos weiten Raum gefunden.

Nach ihrer Rückkehr lenkte sie sich ab, indem sie das schmutzigkahle Stück Erde vor dem Haus in einen Garten verwandelte. Mit den Blumen pflanzte sie ihre jungen Träume, die über die Jahre unverrückbar tiefe Wurzeln schlugen, ungeniert wuchsen und Ableger ins Leben trieben. Erst nach einiger Zeit bemerkte Viktoria, dass sie nur blaue Blüten für ihre Beete ausgewählt hatte. Sie beließ es so, weil die ruhige Kühle, die davon ausging, ihr wohl tat und die Erinnerung an Jonas und den Meersommer sich darin wohl zu fühlen schien. Am Ende waren alle Farben des Himmels hier zu Hause.

Es hatte noch Männer gegeben in ihrem Leben seitdem. Der eine hatte ihr eine rote Rose geschenkt und eigenhändig neben den Rittersporn gepflanzt, doch nach wenigen Jahren hatte Viktoria sie aus dem Garten verbannt. Die Farbe war ihr zu laut und blieb fremd. Später überreichte ihr ein Anderer einen Goldregen, dem sie auch eine Weile einen Platz gewährte. Doch dann wurde ihr das Gelb zu erdrückend und sie trennte sich auch davon.

Für Viktoria verlor eine Zeit nicht ihre Gültigkeit, nur weil sie längst vorbei war. Jonas blieb so wirklich, wie er jemals gewesen war. Ja, in letzter Zeit hatte sie sogar bemerkt, dass er mit ihr gemeinsam alterte. Er saß ein wenig gebeugter auf dem Stuhl, und wenn die Sonne tief stand, glänzte das weiße Haar an seinen Schläfen. Das Licht warf auch kleine Schatten in seinem Gesicht wenn es die Fältchen um seine Augen fand. Es war gut so; so wurden Jonas und Viktoria sich nicht fremder.

Allerdings sah er ihr nie direkt in die Augen. Sein Blick ging immer ein wenig an ihr vorbei, in die Weite über die Hecke hinweg in die Welt draußen. Sie nahm an, dass er sie nicht so sah wie sie ihn.

Doch die Bienen summten im Sommerflieder, und zusammen mit dem Plätschern des Brunnens klang es wie leises Rauschen von altem Wind und fernen Wellen. Viktoria setzte sich ins Gras, um Jonas nicht von seinem Stuhl zu verdrängen. Gegen den Apfelbaum gelehnt, schlief sie ein. In der warmen Dämmerung sprach Jonas zu ihr, und die Menschen auf der Straße gingen langsamer, denn es war ihnen als hätten sie ein Flüstern vernommen.

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Viktorias blauer Garten
Drei Liebesgeschichten

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