Flaschenpost vom Meer

Flaschenpost vom Meer

© Patricia Koelle
 

Patricia Koelle: Flaschenpost vom MeerErleichtert befolgte Cory Seling die Anweisungen der Stewardess. Handgepäck unter dem Sitz verstauen, Rückenlehne hochklappen, anschnallen. Sie konnte die Landung kaum noch erwarten. Nicht weil sie ungern flog. Es hatte ihre Stimmung gehoben, die Wolken von oben zu sehen und den winzigen Schatten des Flugzeugs, der darüberglitt, so klein, als hätte er nichts mit ihr zu tun. Sie stellte sich vor, dieser bewegte Schatten wäre ein Radiergummi, der das letzte schlimme Jahr Tag um Tag auslöschte, bis nur noch dieses strahlende Weiß übrig war. Es wäre so schön gewesen.
Jetzt aber, nach neun Stunden, glaubte sie in der verbrauchten Luft zu ersticken. Sie sehnte sich nach Sauerstoff. Nach frischer, echter Luft, die aus einem Tag kam und nicht aus einer Düse.
Unter ihr riss die ewige glatte Fläche des Meeres ab und plötzlich nahes Grün kam dem Flugzeug entgegen. Gerade noch rechtzeitig, wie es schien, tat sich eine Landebahn vor ihnen auf und das Flugzeug berührte den Boden so überraschend weich, dass alle Passagiere klatschten.
Draußen schlug die Luft Cory so heiß und schwer entgegen wie das feuchte Tuch, das sie am Morgen von der Stewardess mit dem automatischen Lächeln gereicht bekommen hatten. Treibstoffgeruch mischte sich mit dem süßlichen Duft der roten und gelben Hibiskusblüten, die das Flugfeld säumten.
Nach allem, was gewesen war, konnte sie kaum glauben, dass sie jetzt hier war, in einer völlig anderen Welt.
Es war noch eine gute Stunde Taxifahrt bis zu ihrer Unterkunft, die sie wahllos aus dem Internet gefischt hatte. Das Bild hatte sie einfach angesprochen und nicht mehr losgelassen.

Sie lehnte sich müde in den Sitz und ihre Gedanken fielen zurück in ihre alte Welt, in die geheimnisvolle verwinkelte Stube ihrer kleinen Buchbinderei, in der es nach Kleber, Tinte, Leder und altem Pergament roch.
Sie kannte diesen Geruch und die verheißungsvollen Schatten in den Winkeln, seit sie denken konnte. Damals hockte sie am liebsten unter der alten Presse, deren Silhouette im Lampenlicht wie ein zahmes Ungeheuer wirkte, und sah den großen, behutsamen Händen ihres Großvaters und ihres Vaters zu, wie sie mit den Büchern hantierten. „Mit alten Büchern muss man umgehen wie mit Menschen“, pflegte ihr Vater zu sagen. „Sie haben ein ganzes Leben hinter sich und beherbergen eine Menge Weisheit. Und sie sind verletzlich. Behandele sie mit Respekt.“
Für Cory war es nie in Frage gekommen, etwas anderes zu lernen als das Buchbinderhandwerk. Auch wenn die elektronischen Medien immer mehr Bedeutung bekamen, so gab es dennoch genug Menschen, die gern mit einem Buch in der Hand ihren Lieblingsplatz aufsuchten und sich ohne Strom und Flimmern für eine Stunde oder zwei in andere Welten tragen ließen.
Es gab auch Menschen, die einfach gern ein schön gefertigtes Buch in der Hand hielten und zärtlich über den Einband strichen. Und es gab Menschen, die uralte, abgegriffene Bücher brachten und darum baten, dass man sie heilen und vorm Verfall bewahren möge, weil sie ein Stück ihres Lebens waren. Auch Büchereien, Bibliotheken und Museen gehörten zu den Kunden. Die Zukunft schien gesichert.
Cory lernte falzen, schneiden, kleben und heften und konnte mit Leinen und mit Leder umgehen. Sie wusste Zeitschrifteneinbände herzustellen, Kästen und Kassetten, übte das Prägen und beherrschte schließlich auch Gold- und Farbschnitte. Ihre Finger waren jung und zierlich und geschickt, und sie war voller Begeisterung.
Und doch hatte es nicht gereicht. Ihr Großvater starb, später ihr Vater. Danach führte sie das Geschäft noch acht Jahre lang weiter. Sie lernte Till kennen und war eine Zeitlang glücklich mit ihm, doch er war eifersüchtig auf die Bücher und ihre Welt im Laden, die er nicht verstand, die sie auch ihm zuliebe nicht aufgeben wollte, und die schließlich ihre gesamten Tage auffraß, bis sie einsah, dass sie verkaufen musste, ehe sie alles verlor. Doch da war er schon gegangen.
Am letzten Tag vor der Schlüsselübergabe an den neuen Besitzer, der ein Pressebüro aus den Räumen machen wollte, sammelte sie noch die ganz alten Bände ein, die zum Teil zur Dekoration und als Modelle auf den Regalen gestanden hatten. Sie war müde, traurig und überarbeitet. Alles war wie in einem unwirklichen Nebel um sie.
Sie hockte sich auf einen alten Schemel und schlug einen schweren Band der Sternkunde aus dem Jahre 1793 auf. „Der Beyfall, mit welchem die erste Auflage meines Buches aufgenommen worden, ist zu schmeichelhaft und ehrenvoll für mich gewesen, als dass ich mich nicht hätte aufgemuntert und verpflichtet fühlen müssen, in dieser Sache, wo möglich, etwas Vollkommeneres zu leisten …“ Aufmunterung, dachte Cory, die könnte ich auch gebrauchen. Sie schlug das Buch wieder zu; sie hatte keine Zeit zum Trödeln.
Da flatterte zwischen den Seiten ein eng und beidseitig von Hand beschriebener Zettel hervor und fiel vor ihre Sandale. Die Tinte war braun und verblichen und das Papier fleckig, die untere Ecke abgerissen.

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Patricia Koelle: Flaschenpost vom Meer
Patricia Koelle
Flaschenpost vom Meer
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Eine Flaschenpost oder Piratenschätze findet man heutzutage nur noch selten am Strand. Doch schon mit einem einzigen Urlaubstag bekommen wir Zeit außerhalb unseres Alltags, unseres Ortes, sogar unseres Selbst geschenkt, und dann können uns erstaunlichere, spannendere Dinge geschehen. Wenn wir an diesen langen, hellen Sommertagen genau hinsehen, wenn wir uns auf frischen Wind und auf die Weite einlassen, entdecken wir andere Schätze. Sie eignen sich nicht zum Vorzeigen, aber sie können unsere Zukunft ändern und uns reicher heimkehren lassen.

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Das Bernsteinschiff

Segelschiff

Das Bernsteinschiff

© Patricia Koelle

Segelschiff

Lina Amberger trug ein Meer in ihren Lungen, und heute war es tief wie nie. Sie würde darin versinken. Mit einer unerwartet heiteren Bereitschaft stieg dieses Wissen in ihr auf.

Einundneunzig Jahre lang war ihr Atem leicht und leuchtend durch diese Lungen geflossen, ein und aus mit den vollen, willkommenen Tagen. Nun aber war sie so weit einzutauchen. Ihr Abschied würde woanders Neues auflaufen lassen, so wie es sich ewig gehörte. Sie fühlte sich als eine Welle unter vielen. „Ich bin auf Kurs, Wetter-Willi“, sagte sie vom Sofa her zu der Figur auf der Anzeige der Funkwetterstation, die ihr Enkel Jannik ihr geschenkt hatte. Die Station klärte Lina, auch wenn ihr Atem und ihre Schritte nicht mehr vor die Tür reichten, nicht nur über die Lufttemperatur, sondern auch über Windstärke und Regenmengen auf. Wetter-Willi zeigte außerdem durch seine Garderobe an, was sie zu tragen hätte, wenn sie draußen im Tag wäre: Schal, Mütze und Pullover oder kurze Hosen und Sonnenbrille. Heute schwenkte er einen geschlossenen Regenschirm. Nicht weil sie wunderlich geworden war, sprach Lina mit ihm, sondern weil er immer da war und weil er ein Lächeln für sie hatte und weil Worte sich zu krümmen beginnen, wenn man sie an niemanden richten kann.
Doch öfter als auf Wetter-Willi ruhten ihre Augen auf dem Bild über ihm an der Wand. Dem Bild, das Niklas vor zweiundsechzig Jahren von einem Straßenhändler gekauft hatte, nachdem es ihm gelungen war, mit Hilfe seines frühlingshaften Charmes den Preis unverschämt herunterzuhandeln.

Es war ein brennend klarer Septembertag gewesen, durch den in frechen Wirbeln eine frische Brise zischte, und sie verbrachten ihn von morgens bis abends am Hafen, lehnten sich gegen den Leuchtturm und alberten herum. Ihre Blicke reisten neugierig mit sämtlichen vorbeifahrenden Schiffen und sie versuchten voll glücklichen Übermuts, die Blauschattierungen in der unfassbaren Weite zu zählen. Sehnsucht kam nicht auf, denn sie hielten sich bei der Hand und die Welt war groß und nahe genug. Erst als der Abend eine Gänsehaut bekam und die Sonne hinter den Horizont kippte und sie Krabbenbrötchen kauend durch die dunkelnden Möwenschreie landeinwärts gingen, entdeckten sie das Bild. Es lehnte mit anderen an einem Steg wie eine Nebensache. Niklas sah sofort, dass dieses eine sich deutlich vom grelltintigen Kitsch der anderen abhob. Das Motiv war keineswegs ungewöhnlich, es zeigte nur ein Segelschiff auf Wellen, einen Dreimaster. Doch dieses Schiff fuhr und atmete, und die Wellen lebten, und die Farben kamen direkt aus der Wirklichkeit dieses goldenen Abends. Der Hintergrund wirkte, als wäre das Papier von der Sonne goldgelb gebrannt und nicht von der Hand des Malers so bestimmt. Außer dem Safrangelb, das die augenblickliche Tönung des noch in den Sonnenabschied getauchten Himmels genau traf, war keine Malfarbe verwendet worden. Der bauchige Schiffsrumpf, der reichlich Raum für Schätze bot, war aus einer Schicht winziger heller Bernsteinbruchstücke aufgestreut und mit nur wenigen flüchtigen Bleistiftstrichen ergänzt. Die Bullaugen und die verwegenen Masten bestanden aus sorgsam angeordneten dunkelbraunen Bernsteinsplittern. Durchscheinende Segel aus weißem Seesand bauschten sich im Wind, und aus demselben Seesand rauschten und schäumten die Kämme braungrüner dunkeltiefer Bernsteinwellen. Über den Himmelshintergrund zogen sich feine honigfarbene Bernsteinwolken und beschertem dem Bild einen Anflug vom Funkeln der ersten Sterne; und auch am Schiffsrumpf hing verhaltenes Glitzern wie von Spritzern der Gischt.

Das Schiff trug keinen Namen, aber Mut, Zuversicht und Hoffnung; es war auf seiner Fahrt, und die Welt, in der es so sehr unterwegs war, voller Licht.

Auch den heruntergehandelten Preis konnten sie sich eigentlich nicht leisten, aber Niklas war nicht davon abzubringen. Stolz waren sie weiter in den Abend gewandert, Niklas mit dem großen Rahmen, während sie ihm den Rest des Krabbenbrötchens in den Mund steckte. Er hatte ja keine Hand frei: er trug ein Schiff.

Heute, dachte Lina, als sie sich mühsam aufrichtete um besser sehen zu können, barg das Schiff ihr ganzes unglaubliches Vermögen. Von Tag zu Tag hatte das Schiff mehr geheime Frachträume bekommen, um die nur Lina wusste. Nur einen Namen hatte es noch immer nicht. Sie hatte stets danach gesucht, nach einem, der stolz und großartig und ungewöhnlich war und den richtigen Klang hatte.

Hinter jedem Bullauge wusste sie etwas Besonderes, einen funkelnden Fang aus dem Meer ihrer Stunden mit Niklas. Den Klang seiner eifrigen Schritte im Flur. Den Geschmack der Brombeeren, die er mit vollen Händen zu ihr in die Küche getragen hatte, da er nie daran dachte, eine Schüssel mit hinauszunehmen, und die Flecken, die darum immer noch auf dem Teppich waren. Den Geruch der von ihm verlegten roten Steinfliesen auf der Terrasse nach einem Regenguss an einem heißen Nachmittag. Morgens auf dem Kissen sein Profil neben ihr, das ihr einen neuen Tag bedeutete. Den Schein der ungewöhnlichen seegrünen Lampe, die er ihr zu einem Hochzeitstag geschenkt hatte. Den diamantenen Bach durch irgendeine Wiese, an dem sie einen ganzen Junitag verbracht hatten, an dem Niklas eigentlich im Büro hätte sein müssen. Er war sehr pflichtbewusst, aber immer wieder einmal sagte er: „Manchmal ist es wichtiger, mit dir sehen zu gehen.“ Dann schenkte er ihr vierundzwanzig Stunden am Stück. Jeden dieser Tage bewahrte sie hinter den Bullaugen auf, keiner von ihnen hatte im Laufe der Jahrzehnte an Sekunden verloren.

Auch Lina hatte dunkle Stunden, in denen sie an diese Schätze nicht herankam, aber sie wusste immer, dass sie danach alles unversehrt wiederfinden würde.

Ihr Schiff war großzügig mit seinem Frachtraum, sie konnte beliebig hineinfüllen. Es gab auch Kabinen für die Freunde, die durch ihr Leben gezogen waren wie Pusteblumensamen; manche hatten in ihrer Nähe Wurzeln geschlagen, andere hatte es weitergetrieben. Längst waren sie alle auf die eine oder andere Weise fort, aber in den kleinen Kajüten des Bernsteinschiffes wohnten sie noch immer. Sie waren es gewesen, die mit Lina zusammen Niklas’ tiefes, erschütterndes Lachen so oft wie möglich hervorgelockt hatten, das durch den Garten lief und nicht nur die Dämmerung zwischen den Johannisbeerbüschen, sondern auch die Zukunft füllte. Selbst für den riesigen, hellblauen Eisberg, den einmal zu sehen sie immer geplant hatten, und bis zu dem das Leben nicht gereicht hatte, war Platz im Schiffsbauch. Es war nicht einmal Traurigkeit um ihn, denn schon in ihren Träumen war er wunderschön gewesen, weil es ein Traum war, der ihnen zusammen gehörte.

Die Klingel rief zweimal, dann knirschte der Schlüssel in der Tür: die pünktliche Krankenschwester von der Sozialstation. „Guten Abend, Frau Amberger! Sie haben ja kaum etwas gegessen! Wie fühlen Sie sich?“ Hastig räumte Schwester Bärbel das Geschirr zusammen, das der fahrbare Mittagstisch gebracht hatte. Sie sah müde und besorgt aus.

„Danke, es geht mir hervorragend“, sagte Lina beruhigend. Um die Schwester zu überzeugen, war hinter den Worten nicht genug Luft, dabei war ihre Wahrheit aufrecht wie die Schiffsmasten.
Schwester Bärbel fischte eilig ihr schlangengleiches Stethoskop aus der Tasche und richtete ihre Ohren auf die Wogen in Linas Brust. „Schon wieder so viel Wasser“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Sie hatte plötzlich Falten auf der Stirn wie der Strand nach einer Sturmflut. „Haben Sie Ihre Herztabletten nicht genommen?“

„Ich war ganz artig“, sagte Lina belustigt. Schwester Bärbel müsste in ihrem Beruf eigentlich wissen, dass kein Leben ewig auf dem Weg ist.

„Es tut mir leid, das kann ich nicht verantworten. Ich werde den Notarzt rufen.“ Schwester Bärbel stopfte im Nebenzimmer eifrige Sätze durchs Telefon. Dann kam sie zurück und nahm Linas Hand. „Frau Amberger“, sagte sie, „der Arzt wird in etwa einer Stunde hier sein. Ich muss jetzt schnell noch zu einem Patienten, aber bis der Arzt kommt, bin ich wieder da und lasse ihn rein. Sie brauchen nicht aufstehen.“

„Ist gut, Kindchen“, sagte Lina.

„Dann packe ich Ihnen auch noch eine Tasche“, versicherte Schwester Bärbel. „Es kann sein, dass er Sie ins Krankenhaus einweist. Überlegen Sie schon mal, was Sie mitnehmen wollen.“ Weg war sie. Die Tür klickte ins Schloss.

Das Meer aus Stille in der Wohnung kehrte zurück. Lina schmunzelte. Sie musste nichts mitnehmen. Es war alles geborgen in ihrem Schiff.

Der Arzt würde verstehen, dass eine Welle zu Ende geht und dass dieselbe Welle nie wiederkommt. Es ist immer eine andere, die aber so vieles aus der alten in sich weiter trägt. Und die Wellen tragen die Schiffe den Himmel entlang, und die Schätze sinken nicht, wenn sie wirklich waren.

Die Zahlen neben Wetter-Willi zeigten an, dass die Sonne heute um 19.32 Uhr untergehen würde.

Eines blieb noch zu tun. Lina fischte einen Filzstift vom Tisch und suchte nach ihren Krücken. Unter Willis wachsamem Blick sammelte sie die restliche Luft und richtete sich auf. In ihr war etwas leicht, und diese Leichtigkeit stieg auf wie eine Flut. Die Krücken brachten sie vor das Bild und sie legte die eine aus der Hand und reckte sich zum Schiff.

Schon lange hatte sie hinten auf den Rahmen „Für Jannik“ geschrieben. Jannik wusste, dass er das Bild erben würde und er wusste auch um seine Ladung. Als er klein war, hatte er sich auf ihrem Schoß gewärmt und zum Schiff aufgesehen, und sie hatte ihm davon erzählt, Schatz um Schatz, außer von den geheimen. Er wusste auch, dass noch Räume frei waren, die er füllen konnte, wenn seine Zeit war.

Aber der Name fehlte noch, und nun plötzlich wusste sie ihn. Es war ganz einfach. Er war nicht stolz und ruhmreich, aber sein Klang passte, es gab nur einen richtigen, und er war großartig genug.

„Lina Niklas“, schrieb sie, etwas krakelig, auf den Bug, der gerade auf einem hohen Wellenkamm triumphierend zum Himmel zeigte. Sie konnte den Wind spüren; eine frohe Brise wirbelte um die Masten und auch um ihre Nase und füllte die Segel neu.

„Niklas Lina“ wäre ihr lieber gewesen, aber Schiffe tragen nun einmal meist weibliche Namen.

Der Weg zurück zum Sofa war unnötig weit. Lina setzte sich behutsam auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken vertrauensvoll an den Schrank. Wie damals an den Leuchtturm.

„Wetter-Willi“, sagte sie, „Grüß den Arzt von mir.“

Sie schloss die Augen und ließ den Atem los. Er stieg unauffällig in die Welt wie Luftblasen am Seeufer an einem stillen Augusttag. Lina freute sich, dass sie sich nun nicht mehr vom Wasser würde trennen müssen, sie, die nie eine wirkliche Schiffsreise gemacht hatte. Nie war sie weiter als bis zur Insel Mainau gefahren oder mit der Fähre bis Amrum oder auf dem Wannsee mit dem blau-weißen Schlauchboot, aus dem heraus Jannik mit nackten jungen Füßen silberne Wasserkugeln in den Sommerhimmel jubelte.

Und doch hatte der Anblick von Schiffen, vor allem Segelschiffen, sie immer fliegen lassen, tief von innen heraus.

Über ihr öffnete Wetter-Willi den Regenschirm.

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Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

Taschenbuch, eBook Amazon Kindle und epub-Format

Patricia Koelles Geschichten sind eine Lupe, die sichtbar werden lässt, wie groß Kleines sein kann. Es sind Geschichten für das verträumte Ende eines Feierabends, den Beginn eines Wochenendes oder die Bahnfahrt zur Arbeit. Geschichten von Himmel, Meer und Erde. Geschichten zum Lächeln, zum Nachdenken, zum Gesundwerden, zum Verschenken, voller Hoffnung und realistischem Zauber.

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Hannas Feiertage

Sonnenuntergang am Meer

Hannas Feiertage

© Patricia Koelle

Sonnenuntergang am Meer

Auf dieser Ferienreise war mir der Nachthimmel zum ersten Mal fremd. Der Große Wagen, die Kassiopeia, der Schwan: kein Sternbild war dort, wohin es in meiner Welt gehörte. Dafür erklärte Vater mir das Kreuz des Südens. Es erschien mir großartig und unwirklich hell über den struppigen Palmwipfeln. Die Milchstraße brannte sich einen Weg durch ein so unbekannt tiefes Schwarz, dass ich kaum zu atmen wagte. Mir war, als hätte jemand die Erde umgedreht wie eine Eieruhr und ich wäre als ein Sandkorn in das andere Teil gestürzt.
Es war Oktober, und zuhause war alles klar rot und gelb. Hier aber flossen neue Farben weich ineinander, überschwänglich und zahllos, als wäre ich mitten in Omas Seidenschal gelandet.
Der Strand war wie aus heißem Licht und das Meer gleichzeitig warm und kühl. Das Wasser glühte in einem Ton zwischen Türkis und Smaragd, den ich noch nie gesehen hatte, mit dunklen Flecken aus Seegraswiesen. Über die Dünen zogen sich Ranken voll hellblauer Trichterblüten, und irgendwo in dem Gewirr dröhnte ein Zikadenorchester in einem Rhythmus, der meinen Herzschlag aufnahm als gehörte ich in dieses Land.
Wolken türmten sich hier nur morgens und abends, dann aber gewaltig. Dazwischen spann sich in hohem Bogen ein gleißender Tag von dreiunddreißig Grad im Schatten. Meinen Vater zog es zu seinen Büchern und der gnadenlos eisigen Klimaanlage in das Hotel, meine Mutter in den Schatten eines zotteligen Sonnenschirms aus Stroh. Ich saß daneben, müde vom Schwimmen, und steckte ein Mosaik aus glänzenden eiförmigen Samen in den Sand. Die Samen hatte ich unter einem Baum mit tellergroßen Blättern gefunden.
Aus dem weiten Staunen kam ich hier nicht mehr heraus, es war als wäre diese eine Woche endlos, weil so unglaublich viel darin war.
Es waren nicht viele Touristen am Strand, aber diejenigen, die in unserer Nähe auf ihren Handtüchern lagen, hatten Kopfhörer auf den Ohren und bohrten mit den Augen Löcher in den Himmel, dösten vor sich hin oder blätterten gelangweilt in einer Zeitschrift.
Am Flutsaum in der Ferne bewegte sich ein greller Farbklecks. Als er uns näher kam, stellte er sich als ein feuerwehrfarbener Bikini heraus, in dem eine kleine, alte Dame steckte. Durch ihre weißen Haare zog sich eine ebenfalls feuerwehrfarbene Strähne und hinter ihrem rechten Ohr wippte eine große violette Blüte. Sie ging direkt auf uns zu, mit einem Lächeln weit wie der Horizont.
„Frohe Ostern!“ sagte sie.
Es war immer noch Oktober, auch wenn wir uns auf der anderen Hälfte der Erde befanden.
Meine Mutter zuckte nicht mit der Wimper.
„Fröhliche Weihnachten“, erwiderte sie heiter.
Die kleine alte Dame lachte auf. Es klang silbern und leicht wie das Windspiel, das zuhause am Apfelbaum hing.
Begeistert streckte sie meiner Mutter die Hand hin. „Hanna. Hanna Warlich. Ich habe Sie im Restaurant belauscht, daher wusste ich, dass Sie auch deutsch sind.“
„Kringe“, sagte meine Mutter, die nichts davon hielt, von Fremden beim Vornamen genannt zu werden.
„Nina“, sagte ich.
„Darf ich?“ fragte Hanna Warlich und setzte sich zu uns, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Wissen Sie“, sagte sie, „ich bin vor einigen Jahren hierher gezogen. Hier fühle ich mich viel lebendiger als ich alt bin. So bunt. Jeder Tag ist ein Wunder und kribbelt in mir wie Brause. Jede feine Muschel, jede glühende Blume, jedes rauschende Gewitter, alles ist beglückend.“ Sie fischte eine Reiherfeder aus dem Sand und zeichnete damit Muster um unser Handtuch herum.
Vögel Reiher Graureiher Reiher gab es einige am Strand. Stumm standen sie im flachen glasklaren Wasser und warteten auf Fische. Ihre Füße waren wie riesige Seesterne. Wenn ich mich ihnen näherte, hoben sie beiläufig den Schnabel und sahen mir in die Augen. Sie waren fast genauso groß wie ich mit meinen zwölf Jahren und wirkten so würdevoll, dass ich fast meinte, mich vor ihnen verbeugen zu müssen. Komischerweise hatte ich bei Hanna, klein und runzlig wie sie war, ein ähnliches Gefühl.
„Und dann sehe ich die Touristen“, sagte Hanna leise, wie zu sich selbst. „Sie nehmen den weiten Weg auf sich. Sie zahlen mehr, als sie sich leisten können, um einmal in der Karibik gewesen zu sein. Die ersten drei Tage sehen sie mit großen Augen um sich. Danach sitzen sie den Rest der Zeit am Pool herum oder an der Bar. Oder sie drehen sich auf ihren Liegestühlen und Handtüchern in der Sonne wie Brathähnchen am Spieß und interessieren sich nur dafür, ob die Sonnencreme gleichmäßig verteilt ist und was wohl in der deutschen Zeitung steht. Sie haben einen flachen Blick wie Kühe beim Wiederkäuen. Drei Tage sind sie lebendig, und dann zerknüllen sie die Zeit und werfen sie weg wie ein Butterbrotpapier.“
Hanna ließ die Feder fallen und richtete sich auf. „Sie nicht“, sagte sie schnell und entschuldigend. „Ihre Familie ist anders, dass habe ich gleich gesehen.“
„Aber warum sagen Sie ‚Frohe Ostern‘, wenn es doch Herbst ist?“ wollte ich endlich wissen.
Sie richtete ihren blanken Eichhörnchenblick auf mich. „Weil sie dann aufwachen“, erklärte sie und ihre Augenwinkel schlugen verschmitzte Falten wie die winzigen Wellen, die in der aufkommenden Nachmittagsbrise auf den Strand liefen.
„Weißt Du, wie es ist, wenn zuhause von Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt wird, oder umgekehrt? Die Menschen werden ein wenig durcheinander gebracht. Plötzlich sehen sie wieder bewusst die Sonne untergehen, sehen morgens wach und neugierig aus dem Fenster, überlegen, wann sie essen und wann sie ins Bett gehen sollen, nur weil alles von einer Minute zur anderen ein bisschen anders ist, als sie es gewöhnt sind.“
Ja, das kannte ich. Ich fand es jedes Mal verwirrend und wusste nie so richtig, ob der Tag nun vor- oder zurückgedreht worden war. Im Sommer bedeutete es jedenfalls, dass wir länger draußen spielen durften, als ob es plötzlich mehr Zeit gäbe, so wie die Limonadengläser ja auch viel größer waren als die für den Wintertee.
„Ja“ fuhr Hanna fort, „und wenn ich hier im Herbst am Strand entlang gehe und zu den Menschen „Frohe Ostern“ sage, ist es ähnlich. Sie schrecken auf, sind verwirrt, fangen an, nachzudenken. Sie müssen sich neu orientieren, vergewissern, ob sie auch wirklich da sind in der Zeit, wo sie zu sein glaubten. Sie sehen sich wieder um. Sie lächeln. Sie entdecken Dinge. Es ist, als hätte man sie kurz hochgehoben, durchgeschüttelt, und aufrechter wieder auf ihre Füße gestellt.“
Sie schwieg einen Moment. „Manche halten mich natürlich auch für verrückt. Oder senil“, sagte sie und grinste. „Sie finden es peinlich oder komisch. Es macht mir nichts aus. Auch sie wachen kurz auf. Nur weil ich ein Blinzeln lang ihre Zeit durcheinander gewirbelt habe. Auch sie lächeln. Und gehen ein wenig anders weiter.“
Auf dem Weg zum Hotel fixierte meine Mutter eine Familie von Deutschen, die alle ein Kaugummi im Mund und den Blick auf eine Zeitung oder ein Comicheft gesenkt hatten. „Frohe Ostern!“ sagte sie laut.
Die vier zuckten zusammen und sahen hoch. Wie die Flut stieg erst Verblüffung, dann ein Lächeln in ihren Gesichtern auf. Sie sahen erst meiner Mutter hinterher, dann auf das Meer. „Schau mal, Lisa“, sagte der Vater „was für ein Sonnenuntergang.“ „Oh, da ist gerade ein großer Fisch hochgesprungen!“ rief einer der Jungen aufgeregt.
„Weißt Du was“, sagte meine Mutter, „Frau Warlich hat recht.“
In der Nacht träumte ich von Hanna. Sie rührte mit einem riesigen steinernen Kochlöffel am Himmel die Zeit um, so dass die Sterne sich anders ordneten und das Kreuz des Südens sich zu einem Kreis formte.
Hanna Warlich war nicht aufdringlich. Meist winkte sie uns nur von ferne zu. Jeden Tag sahen wir sie am Flutsaum entlang wandern, wie die flinken kleinen Vögel, die dort herumsausten und nach Krebsen suchten. Hinter ihr ging immer eine Bewegung durch die Menschen, so als wäre eine frische Brise den Strand entlang gehuscht und hätte die zähe Trägheit mit sich genommen.
Heute ist die offene Weite zerbrochen an den Hochhäusern voller Reisender, doch damals hatte der Strand viel Platz für das große Lächeln einer kleinen alten Dame, die mit zwei Worten die Zeit verdrehte und die Menschen anhalten und hinsehen ließ.
Einmal hockte sie sich kurz neben uns. „Können Sie finnisch? Oder eine andere seltenere Sprache?“ fragte sie.
„Leider nicht. Warum?“ fragte Mutter.
„Ich möchte zu allen ‚Frohe Ostern‘ sagen können. Viele können Englisch. Mit ‚Happy Easter‘ geht es meistens. Aber es gibt die, die mich gar nicht verstehen. Sie lächeln auch, freundlich und hilflos, aber das ist nicht die Sorte Lächeln, die ich sammle. Es weckt nicht. Macht nichts“, sagte sie fröhlich und stand auf, „in sieben Sprachen kann ich es schon, und es werden Menschen kommen, die es mir in anderen beibringen können. Habt noch einen hellen Tag!“ Weg war sie.
Als unsere Woche mit dem endlosen hohen südlichen Himmel und dem glasklaren Meer voll zerbrechlicher Schönheit zu Ende war, kam Hanna an unseren Frühstückstisch, um sich von uns zu verabschieden. Die Klimaanlage und die Wehmut ließen uns trotz Reisejacken frösteln. Hanna trug ein apfelgrünes Minikleid und einen Sombrero, unter dem ihre fünf Enkel Schutz gefunden hätten, und sie hatte nicht einmal eine Gänsehaut.
„Es war so schön, dass wir uns begegnet sind“, sagte sie. „Bleibt wach!“
Ein Bus fuhr klappernd vor und wir stiegen in seinen hohlen Bauch. Hanna stand am Straßenrand und winkte. Sie sah sehr klein aus.
Meine Mutter kurbelte das Fenster herunter und brüllte über das Motordonnern hinweg: „Ein frohes Neues Jahr!“
Alle setzten sich gerader und alle verschlafenen Köpfe drehten sich erst fragend zu ihr um und sahen dann neugierig aus dem Fenster. Mutter rückte sich in ihrem Sitz zurecht und lächelte zufrieden.
Im Rückfenster sah ich den Sombrero auf dem Weg zum Strand.

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Strandgeschichten

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