Des Königs Osterei

Osterei

Des Königs Osterei

© Patricia Koelle

Ostern OstereiLeo Klinger staubte das alte Nähkästchen sorgfältig ab, ehe er es auf den Tisch mit der filigranen Einlegearbeit stellte. Es passte gut zu dem zierlichen Sofa mit dem honigfarbenen Samtbezug.

Er betrachtete jeden Gegenstand in seinem Antiquitätenladen als einen guten Bekannten, dem man mit Zuneigung und Respekt entgegenkommt. Er hatte auch Freunde unter ihnen. Zum Beispiel die achteckige Teekanne mit dem feinen blauen Muster. Die gesamte Porzellansammlung lag ihm besonders am Herzen. Es schmerzte ihn jedes Mal, wenn er etwas davon verkaufte.

Das lag am Ei des bulgarischen Königs.

Als Leo und sein Bruder Karl Kinder waren, hatten sie sofort nach Weihnachten angefangen, auf Ostern zu warten. Die Geschenke waren nicht der Grund. Es gab bei ihnen nicht viel zu Weihnachten, und zu Ostern schon gar nicht. Leos Vater arbeitete als technischer Zeichner in einem Architekturbüro. Er machte seine Arbeit gewissenhaft und war einer der genauesten, aber er war doch nur einer von vielen, und manchmal gab es keine Aufträge. Er verdiente nur wenig. Oft war er zuhause und zeichnete Traumhäuser für die Jungen. Er konnte gut zeichnen und malte auch Gardinen an die Fenster und Blumen in die Gärten. „Ich tue das nur, damit ihr lernt, wie man perspektivisch zeichnet“, sagte er.

Sie wussten, dass sie nie ein Haus besitzen würden, aber sie hatten Freude daran, die ausgedachten Häuser immer wieder anders zu bauen, einzurichten und Apfelbäume mit Schaukeln daran in die Gärten zu malen. Es gab Vaterhäuser, Leohäuser und Karlhäuser, und manchmal auch Mamahäuser, aber Mama war meistens krank, und sie starb, als die Jungen noch sehr klein waren. Es wurde nicht viel darüber geredet. Das Leben ging weiter. Vater Klinger war ein sachlicher Mann und lebte ebenso genau wie er zeichnete. Über Gefühle sprach er nicht. Außer den Traumhäusern hatte er kaum etwas mit Leo und Karl gemeinsam, aber er sorgte gut für sie, jedenfalls so gut es das Konto erlaubte.

Und auch Weihnachten und Ostern gab es weiterhin.

Für kleine Jungen liegt eine Ewigkeit zwischen Weihnachten und Ostern. Aber wenn der Schnee zum Schlittenfahren sich in grauen Matsch verwandelte, begannen sie, jeden Morgen, noch im Schlafanzug und barfüßig, als Allererstes einen Blick auf den Esszimmertisch zu werfen. Irgendwann kam jedes Jahr der Morgen, an dem das Osterei des bulgarischen Königs mitten auf dem Tisch stand. Darauf konnten sie sich verlassen.

Es war aus Porzellan und ungefähr so groß wie eine Teekanne. Nur, dass es eben ein Ei war. Es lag quer und bestand aus zwei Hälften. Die Untere hatte einen Fuß mit einer gewellten Kante. Die Obere war ein Deckel, den sie mit beiden Händen hochheben mussten, so groß war das Ei. Dabei entstand ein bestimmter Ton: kein Klappern, kein Klirren, sondern ein würdevolles Geräusch. Leo würde es sein Leben lang nicht vergessen. Es startete immer eine kleine Aufregung im Bauch. Auf dem Deckel war ein Stückchen hellgrüne Wiese gemalt, auf der ein Hahn und Hühner herumliefen. Um den Rand, und auch um den Rand des Fußes, zog sich ein Band aus glühendem Dunkelblau mit feinen goldenen Mustern.

Leo und Karl wurden in der Schule oft ausgelacht, nicht nur weil sie Hosen trugen, die um Einiges zu kurz waren, und weil ihre Schulmappen längst nicht mehr modern waren. Aber sie schwiegen und nickten einander zu, weil der eine wusste, was der andere dachte. Sie hatten trotz allem das Ei des bulgarischen Königs zu Hause. Keiner aus ihrer Klasse besaß so etwas. Sie verrieten nichts davon, denn es hätte ihnen sowieso niemand geglaubt. Ganz sicher wäre der Zauber zerlacht worden. Aber die Tatsache, dass es das Ei gab, tröstete sie. Auch in abgetragenen Hosen war man kein Nichts, wenn man so etwas besaß.

Es war die Oma, die ihnen die Geschichte erzählt hatte, denn der Vater war kein Mann mit Geschichten. Wenn die Oma kam, war alles anders, denn im Gegensatz zum Vater hatte sie ein Lächeln und Lob und Umarmungen zu verschenken. Als die Oma ein kleines Mädchen war, so berichtete sie, wohnte sie einige Zeit am Hof des bulgarischen Königs, denn ihr Vater, also Leo und Karls Urgroßvater, war dort für den Fuhrpark zuständig. Er kümmerte sich um die Autos und fuhr auch den König und den Kronprinzen zu ihren wichtigen Terminen. „Und weil die Autos damals noch keine eingebauten Uhren hatten, montierte der Urgroßvater eine große und eigenartige Uhr aus einer Eisenbahn neben dem Lenkrad, so dass er trotzdem immer pünktlich war“, erzählte die Oma. Weil er so pünktlich war, war der König sehr zufrieden mit ihm. Auch der Kronprinz mochte ihn, da der Urgroßvater ein Mann war, der ein herzliches und bereitwilliges Lachen hatte. Darum bekam die Familie an Ostern vom König ein Ei aus Porzellan geschenkt. Gewiss waren auch einige Leckereien darin gewesen, doch an die konnte sich niemand erinnern. Fest stand, dass ausgerechnet das große, zerbrechliche Porzellanei des bulgarischen Königs unzählige Umzüge, Omas Kindheit, zwei Kriege, eine Flucht, und schließlich Vaters Kindheit unbeschadet überstanden hatte und nun auch Leos und Karls klebrigen Fingern zur Verfügung stand.

Wenn es an Ostern auf dem Tisch erschien, waren immer ein paar Zuckereier und Schokoladenhasen darin. Leo und Karl freuten sich darüber, aber es waren nicht die Süßigkeiten, die den Zauber ausmachten. Es war die Tatsache, dass bei ihnen das Osterei des Königs auf dem Tisch stand und sie es benutzen durften, als sei das selbstverständlich. Es bedeutete, dass Märchen wirklich sein können, auch wenn man aus seinen Hosen herausgewachsen ist und neue zu teuer sind. Es bedeutete vor allem, dass Vater ihnen zutraute, mit dieser Kostbarkeit umzugehen. Beinahe war es, als würde er ihnen damit einmal sagen, dass er sie doch gern hatte und dass er unglaublicherweise stolz genug auf sie war, um sie aus dem Ei des Königs naschen zu lassen. Leo dachte lange Zeit, der Frühling sei in dem Ei. Dass alle Blüten aufgingen und der zartgrüne Schleier, der ihn jedes Jahr zum Platzen glücklich machte, genau in dem Augenblick über die Bäume flog, wenn sie den Porzellandeckel das erste Mal im Jahr öffneten.

Und darum war jetzt, nach Jahrzehnten, die Porzellansammlung für Leo immer noch das Liebste in seinem Antiquitätenladen. Er hatte sich das Geschäft ganz allein erarbeitet, hatte gejobbt und gespart und gelernt und war in der Nachbarschaft auf Dachböden herumgestiegen, bis er in einem winzigen Zimmer das erste Mal geheimnisvolle Schränkchen und zart bemalte Mokkatassen verkaufte. Jetzt, nach vierundzwanzig Jahren, hatte sein Name einen guten Ruf, und die Geschäftsräume an der Lilienthalstraße konnten sich sehen lassen. Sein Vater hatte nie etwas dazu gesagt. Zweimal war er im Laden gewesen und hatte die Preisschilder betrachtet. „Ganz schön teuer“, hatte er gemurmelt.

Karl war Architekt geworden. Leo hatte nie herausgefunden, ob das wirklich Karls Traum gewesen war, oder ob er dem Vater etwas hatte beweisen wollen. Karl lachte ohnehin morgens über die Zeitung, mittags über Nachbars Hund und abends über die Wurst auf dem Brot. Schwer zu sagen, ob ihm etwas mehr oder weniger Spaß machte. Der Vater sagte jedenfalls auch dazu nichts, und Karl nahm ein Angebot aus Philadelphia an. Leo hatte ihn seit fünf Jahren nicht gesehen, allerdings telefonierten sie einmal im Monat. Im letzten Telefonat hatten sie ausgemacht, dass Karl nicht nach Deutschland kommen musste, nur um bei der Auflösung der Wohnung zu helfen. „Du bist schließlich Profi“, hatte Karl gesagt.

Der Vater hatte ganz von sich aus beschlossen, die Wohnung aufzugeben. Die Treppen fielen ihm längst zu schwer, der Umzug hingegen nicht, denn er war ja kein sentimentaler Mann. Er war in ein kleines Zimmer in einem Seniorenhaus gezogen und hatte nur mitgenommen, was er brauchte. „Alles andere lasse ich einfach in der Wohnung“, hatte er zu Leo gesagt, „und du kümmerst Dich dann darum, Junge, nicht wahr?“

Darum schloss Leo jetzt den Laden ab, mitten an einem Donnerstag. Es war Ende August, und die Hitze lag in den Straßen und in der verlassenen Wohnung, als könne man sie mit einem Kochlöffel umrühren. Staubiges Sonnenlicht fiel durch die Spalten in den heruntergelassenen Jalousien. Eine gefangene Hummel brummte verzweifelt in einem Lampenschirm und es roch nach alten Gardinen und Äpfeln. Leo öffnete die Fenster, obwohl die Luft draußen fast stickiger war als drinnen. Er fing mit dem Schlafzimmer an. Zweifelnd betrachtete er die wenigen Jacken und Hosen, die sein Vater im Schrank gelassen hatte und beschloss dann, dass diese tatsächlich nicht einmal mehr für das Rote Kreuz zu gebrauchen waren. Es fiel ihm dennoch schwer, sie endgültig in den blauen Säcken verschwinden zu lassen, vor allem das karierte Jackett mit den Lederflicken an den Ärmeln. Das hatte sein Vater in der Zeit getragen, als sie noch auf Karopapier die Traumhäuser entworfen hatten. Aber sie war am Saum hoffnungslos ausgefranst und hatte Mottenlöcher, und Leo, der einen ganzen Kopf größer als sein Vater und in den Schultern breiter war, hätte ohnehin nicht hineingepasst. Eine Jacke hängt man sich auch nicht an die Wand. Also verabschiedete er sich schweren Herzens davon. Damals hatten sie noch hin und wieder auf Vaters Knie gesessen oder sich an ihn gelehnt, wenn er die Zeichnungen erklärte, und danach waren Fusseln von dem alten Jackett auf ihren Pullovern gewesen als bliebe die beiläufige Berührung mit ihm noch bei ihnen. Heute trug er ordentliche Anzüge und sie gaben sich bestenfalls die Hand wenn sie sich sahen. Mit Umarmungen wusste keiner von ihnen umzugehen.

Das Bett zerfiel fast zu einem Haufen Staub, als er die Matratze anhob. Es war nur aus Pressspan gewesen. Er zerschlug die Reste behutsam und versenkte die Splitter in einem anderen Sperrmüllsack. Den Schrank wischte er sauber. Er besaß zwar keinen Wert, war aber geräumig und aus solidem Holz. Innen roch er vertraut. Vielleicht, dachte Leo, konnte er ihn im Büro für seine Unterlagen benutzen und so ein Stück Erinnerung in die Zukunft retten. In der Küche waren nur ein paar angeschlagene Teller und Tassen mit Teeflecken, die nicht mehr zu entfernen waren. Er fügte sie dem Sack mit dem Bett zu, ebenso die zwei defekten Kaffeemaschinen; und das war alles, was von den vielen Küchenmahlzeiten übrig geblieben war. Den kleinen Tisch, an dem sie gegessen hatten, hatte der Vater mitgenommen. Wenigstens etwas, dachte Leo, und versteckte die beiden fauligen Äpfel aus dem Kühlschrank in der Erde des Blumenkastens am Fenster. Er konnte sich nicht erinnern, dass jemals Blumen darin gewesen waren.

Blieb noch das Wohnzimmer. Dem Sessel fehlte ein Bein und der größte Teil des Polsters, vom Teppich war nicht viel mehr als das Grundgewebe übrig nach all den Jahren von Männerschritten, die darauf unterwegs gewesen waren. Er rollte ihn zusammen und stellte beides in die Ecke zu den Müllsäcken, die schon dort standen. Morgen würde er alles abholen lassen. Außer ein paar Konzert- und Fußballstarpostern, die die Jungen in ihren jeweiligen Phasen dort angepinnt hatten, waren nie Bilder an den Wänden gewesen. Leo zog ein von Zeit und Feuchtigkeit gewelltes Plakat der Rolling Stones von der Wand und stopfte es in einen der Säcke. Dabei fiel ihm ein Bündel geknickten Karopapiers auf. Er zog es aus dem Sack und strich es glatt.

Die Leohäuser und die Karlhäuser. Vater hatte keinen Grund gesehen, sie aufzuheben. Leo hörte seine Stimme durch den teppichlosen Raum hallen. „Ich wollte doch nur, dass ihr perspektivisch zeichnen lernt. Das könnt ihr ja jetzt.“ Leo suchte nach einer sauberen Plastiktüte und steckte die Zeichnungen sorgfältig ein. Er nahm die verblichenen Gardinen ab und füllte den letzten Sack damit. Blieb nur noch das kleine Wandkabinett, in dem ein paar gute Weingläser und eine Karaffe standen.

Und das Osterei des bulgarischen Königs.

Leo stand eine Weile davor. Vater hatte es nicht mitgenommen. Karl war in Amerika. Dann durfte er es jetzt wohl hüten. Es würde als geheimer unverkäuflicher Höhepunkt der Porzellansammlung in seinem Laden stehen und einen hoffnungsvollen Hauch von Frühling in die Räume tragen.

Behutsam hob er den Deckel, aus Gewohnheit. Ostern war lange vorbei. Doch wenn er seinen Vater zur Osterzeit besucht hatte, waren immer ein paar Zuckereier darin gewesen, extra für ihn. Darauf konnte er sich immer noch verlassen. Der Zauber des Ostereis war eine Sache, die Vater zu geben wusste. Das war die kleine und bedeutsame Stelle im Leben, an der sie sich begegnen konnten. Auch jetzt, an diesem letzten Augustnachmittag in der Wohnung, lagen drei Eier darin, wo auch immer der Vater sie zu dieser Zeit herhatte.

Und ein Zettel.

Leo faltete ihn auseinander. Es war ein alter Einkaufszettel, auf dem etwas von Pulverkaffee und Socken stand. Aber die Notizen waren durchgestrichen, und auf der Rückseite stand:

„Lieber Leo, lieber Karl. Ihr seid immer das Helle und Herzliche und das Lachen in meinem Leben gewesen. Ich bin stolz auf euch, und auch wenn ich es nicht zeigen kann, ich habe euch sehr gern. Vater“

Leo saß noch lange mit dem Zettel in der Hand da. Dann wickelte er das Ei des Königs in einen von Vaters alten Pullovern und steckte es in die Tasche zu den Traumhäusern. Er schloss die Wohnung jetzt ohne Traurigkeit ab. Er fühlte sich wie ein König. Das lag nicht an dem königlichen Ei in seiner Tasche. Es war der Zettel. Zuhause im Büro faxte er ihn sofort an Karl.

Abends legte er eine alte Platte der Stones auf und begann, die Zeichnungen der Leo- und Karlhäuser mit Pastellkreiden zu kolorieren. Er würde die schönsten an der Wand im Laden aufhängen. Im Ofen duftete ein Apfelkuchen. Gleich morgen wollte er seinen Vater besuchen.

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Diese Geschichte gibt es auch in dem Taschenbuch

Patricia Koelle
Feuertage
Erzählungen

Sperlich Verlag

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Ostern Osterei Marianne Schaefer
Osterei bemalt von Marianne Schaefer

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Patricia Koelle, Geschichten, Kurzgeschichte, Ostern, Osterei, Ostergeschichte, Short Story, Literatur

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