Lebensgraffiti

Berliner Mauer - Graffiti

Lebensgraffiti

© Patricia Koelle

Berliner Mauer - Graffiti

Ich träumte von einer Wiese, über die ein fünfjähriges Kind wie ich rennen konnte, so weit der Atem reichte, und die am Horizont einen Himmel trug anstatt einer Zahnreihe aus Hochhäusern. Eine solche Wiese aus Weite, weichem Hellgrün und Blumenduft war für mich der Inbegriff von Leben, Glück und Freiheit. Dort wollte ich ein Picknick machen wie die Familien in meinen Büchern. Sie fuhren dazu einfach aus der Stadt hinaus. Meine eigene Familie aber behauptete, das sei unmöglich. „Berlin ist eine Insel“, verkündeten sie. Hocherfreut verlangte ich, zum Strand zu dürfen. Sie fuhren mit mir an den Schlachtensee und in Parks, aber das war es nicht, was ich wollte. Alles Grün stieß an verbaute Straßen. Vom Meer war nichts zu sehen. Schließlich begriff ich anhand einer Karte und einem Spaziergang an der Mauer, dass unsere Stadt aus unerklärlichen Gründen von dieser Mauer eingeschlossen war, die es unmöglich machte, einfach eine richtige Wiese zu besuchen.

Meine Schwester brachte mir dafür bei, von der Brücke so hinunterzuspucken, dass ich die S-Bahn-Waggons traf, die unten durchfuhren. Ich verstand zwar nicht, wozu, sah aber voller Neid dem Zug nach und überlegte, ob meine Spucke nun Wiesen zu Gesicht bekäme. In der S-Bahn zu fahren war verpönt, weil diese „dem Osten“ gehörte. Später fuhr sie gar nicht mehr. Die Bahnhöfe verfielen. Sie starrten mich aus blinden, zerbrochenen Fenstern an, während sich auf den toten Gleisen verlockende kleine Dschungel verdichteten. Beim Brötchenholen hastete ich daran vorbei, weil ich mir einbildete, dass dort unsichtbare Vopos spukten.

Für mich war das Grenzdrama besonders schwer zu begreifen, weil wir in den ersten Jahren nur über die DDR fliegen durften, wenn wir Berlin verlassen wollten. Ein Transit kam nicht in Frage, da mein Vater einige Jahre in den USA für die NASA gearbeitet und Zugang zu Staatsgeheimnissen hatte. Die Gefahr oder vielleicht auch nur die Befürchtung, dass man ihn oder uns zwecks Befragung festgehalten hätte, war zu groß. Für mich blieb die „Zone“ also unsichtbar.

Später flog nur noch mein Vater. Meine Mutter wagte sich mutig mit dem Auto auf die Transitstrecke, und von nun an begannen und endeten alle unsere Ferienreisen mit endlosem Schlangestehen an der kahlen, überhitzten Grenze. Die DDR stahl gnadenlos von unserer Urlaubszeit, Ferienstimmung und Geduld. Dann der Befehlston der Vopos, deren Worte mir wie Schüsse um die Ohren flogen: „Führnse Waffen oder Funkgeräte mit sich?“ Obwohl wir die Frage wahrheitsgemäß mit einem höflichen Nein beantworteten, schafften sie es irgendwie stets, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Einmal waren sie nicht davon zu überzeugen, dass wir keine Bibel dabei hatten. Wahrscheinlich brauchten sie dringend eine. Ich hasste es, wenn sich der Soldat mit der stets zu großen Uniform ins Fenster beugte und mich anstierte. „Nimm die Brille ab!“ Ich fragte mich jedes Mal, was passieren würde, wenn ich ihn bitten würde, ebenfalls die Brille abzunehmen, damit der erzwungene Blickaustausch fair wäre. Auch in meine Kinderbücher spähten sie, als wäre Pinguin Pondus höchst gefährlich für den Sozialismus. Das Auto nahmen sie auf der Suche nach klein zusammengefalteten Flüchtlingen fast auseinander und bekamen die Rückbank nicht mehr zusammen. „Dann muss das Kind vorne sitzen“, meinten sie gelangweilt. Aber da hatte meine Mutter genug. „Das ist mein Auto“, herrschte sie den verdutzten Vopo an, „und in meinem Auto sitzt mein Kind da, wo Kinder in meinem Land sitzen!“ Sprach’s und rauschte davon. Er konnte gerade noch den Fuß wegziehen.

Aus dem Fenster bekam ich auf der Durchreise sogar Wiesen zu sehen, aber aussteigen sollte man nicht. Sie dufteten auch nicht nach frischem Gras, sondern nach Chemie. Die erträumten Wiesen zum Herumstreunen gab es auf der anderen Seite, wenn wir die Grenzkontrolle endlich zum zweiten Mal hinter uns hatten und aufatmeten, weil es wieder anders roch, nach Freiheit: im Bayerischen Wald, im Harz, in der Lüneburger Heide. Doch diese Wiesen gab es eben nur in den großen Ferien. In der Heide fand ich meinen Berufswunsch. Ich wollte Schäferin werden! Dann würde ich den ganzen Tag auf einer Wiese verbringen.

Die Soldaten auf den Wachtürmen hatten es eigentlich gut. Sie durften den ganzen Tag mit dem Fernglas in die Gegend sehen, und manche blickten über Wiesen. Es kam mir aber nie in den Sinn, Grenzsoldat zu werden. Ich mochte ihre Mützen nicht, in deren Schatten sie alle gleich aussahen.

Wir hatten keine Verwandten in der DDR und besuchten die „Zone“ daher nie. Meine Eltern sahen keinen Grund, sich den Demütigungen durch die Grenzer unnötig auszusetzen. Alles, was ich vom „Osten“ kannte, war das Sandmännchen. Dadurch, dass wir ein Ost- und ein West-Sandmännchen hatten, war mein Schlaf doppelt abgesichert. Und dann war da noch das Erbstück. Einer meiner Vorfahren war Förster in Thüringen gewesen. Er entnahm geschossenen Fasanen die im Magen rund geschliffenen Steine, die diese Vögel zur Verdauung nutzten, und ließ sie in eine silberne Brosche fassen. Nun strich ich ehrfurchtsvoll mit dem Finger über das Glänzen und beneidete meinen unbekannten Urgroßvater, der in dem geheimnisvollen Land hinter der Mauer, das die Wiesen geklaut hatte, durch die Landschaft streifen durfte.

… Sie möchten wissen, wie die Geschichte weitergeht? — Die vollständige Geschichte gibt es in dem Buch / eBook


Mauerstücke
Erinnerungsgeschichten
Hrsg. Bettina Buske und Patricia Koelle

Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-08-1 (Buch)
ASIN B005DS2KMU (eBook Amazon Kindle)

Geschichten zur Erinnerung an die Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Grenze, die das Land von 1961 bis 1989 in zwei feindliche Lager teilten und bis heute tiefe Wunden hinterlassen haben. Autoren aus Ost und West erinnern an Vergangenes und wollen dazu beitragen, dass zusammenwächst, was zusammengehört.

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Patricia Koelle, Geschichten, Kurzgeschichte, Mauer, Berliner Mauer, DDR, Short Story, Literatur

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Das Bernsteinschiff

Segelschiff

Das Bernsteinschiff

© Patricia Koelle

Segelschiff

Lina Amberger trug ein Meer in ihren Lungen, und heute war es tief wie nie. Sie würde darin versinken. Mit einer unerwartet heiteren Bereitschaft stieg dieses Wissen in ihr auf.

Einundneunzig Jahre lang war ihr Atem leicht und leuchtend durch diese Lungen geflossen, ein und aus mit den vollen, willkommenen Tagen. Nun aber war sie so weit einzutauchen. Ihr Abschied würde woanders Neues auflaufen lassen, so wie es sich ewig gehörte. Sie fühlte sich als eine Welle unter vielen. „Ich bin auf Kurs, Wetter-Willi“, sagte sie vom Sofa her zu der Figur auf der Anzeige der Funkwetterstation, die ihr Enkel Jannik ihr geschenkt hatte. Die Station klärte Lina, auch wenn ihr Atem und ihre Schritte nicht mehr vor die Tür reichten, nicht nur über die Lufttemperatur, sondern auch über Windstärke und Regenmengen auf. Wetter-Willi zeigte außerdem durch seine Garderobe an, was sie zu tragen hätte, wenn sie draußen im Tag wäre: Schal, Mütze und Pullover oder kurze Hosen und Sonnenbrille. Heute schwenkte er einen geschlossenen Regenschirm. Nicht weil sie wunderlich geworden war, sprach Lina mit ihm, sondern weil er immer da war und weil er ein Lächeln für sie hatte und weil Worte sich zu krümmen beginnen, wenn man sie an niemanden richten kann.
Doch öfter als auf Wetter-Willi ruhten ihre Augen auf dem Bild über ihm an der Wand. Dem Bild, das Niklas vor zweiundsechzig Jahren von einem Straßenhändler gekauft hatte, nachdem es ihm gelungen war, mit Hilfe seines frühlingshaften Charmes den Preis unverschämt herunterzuhandeln.

Es war ein brennend klarer Septembertag gewesen, durch den in frechen Wirbeln eine frische Brise zischte, und sie verbrachten ihn von morgens bis abends am Hafen, lehnten sich gegen den Leuchtturm und alberten herum. Ihre Blicke reisten neugierig mit sämtlichen vorbeifahrenden Schiffen und sie versuchten voll glücklichen Übermuts, die Blauschattierungen in der unfassbaren Weite zu zählen. Sehnsucht kam nicht auf, denn sie hielten sich bei der Hand und die Welt war groß und nahe genug. Erst als der Abend eine Gänsehaut bekam und die Sonne hinter den Horizont kippte und sie Krabbenbrötchen kauend durch die dunkelnden Möwenschreie landeinwärts gingen, entdeckten sie das Bild. Es lehnte mit anderen an einem Steg wie eine Nebensache. Niklas sah sofort, dass dieses eine sich deutlich vom grelltintigen Kitsch der anderen abhob. Das Motiv war keineswegs ungewöhnlich, es zeigte nur ein Segelschiff auf Wellen, einen Dreimaster. Doch dieses Schiff fuhr und atmete, und die Wellen lebten, und die Farben kamen direkt aus der Wirklichkeit dieses goldenen Abends. Der Hintergrund wirkte, als wäre das Papier von der Sonne goldgelb gebrannt und nicht von der Hand des Malers so bestimmt. Außer dem Safrangelb, das die augenblickliche Tönung des noch in den Sonnenabschied getauchten Himmels genau traf, war keine Malfarbe verwendet worden. Der bauchige Schiffsrumpf, der reichlich Raum für Schätze bot, war aus einer Schicht winziger heller Bernsteinbruchstücke aufgestreut und mit nur wenigen flüchtigen Bleistiftstrichen ergänzt. Die Bullaugen und die verwegenen Masten bestanden aus sorgsam angeordneten dunkelbraunen Bernsteinsplittern. Durchscheinende Segel aus weißem Seesand bauschten sich im Wind, und aus demselben Seesand rauschten und schäumten die Kämme braungrüner dunkeltiefer Bernsteinwellen. Über den Himmelshintergrund zogen sich feine honigfarbene Bernsteinwolken und beschertem dem Bild einen Anflug vom Funkeln der ersten Sterne; und auch am Schiffsrumpf hing verhaltenes Glitzern wie von Spritzern der Gischt.

Das Schiff trug keinen Namen, aber Mut, Zuversicht und Hoffnung; es war auf seiner Fahrt, und die Welt, in der es so sehr unterwegs war, voller Licht.

Auch den heruntergehandelten Preis konnten sie sich eigentlich nicht leisten, aber Niklas war nicht davon abzubringen. Stolz waren sie weiter in den Abend gewandert, Niklas mit dem großen Rahmen, während sie ihm den Rest des Krabbenbrötchens in den Mund steckte. Er hatte ja keine Hand frei: er trug ein Schiff.

Heute, dachte Lina, als sie sich mühsam aufrichtete um besser sehen zu können, barg das Schiff ihr ganzes unglaubliches Vermögen. Von Tag zu Tag hatte das Schiff mehr geheime Frachträume bekommen, um die nur Lina wusste. Nur einen Namen hatte es noch immer nicht. Sie hatte stets danach gesucht, nach einem, der stolz und großartig und ungewöhnlich war und den richtigen Klang hatte.

Hinter jedem Bullauge wusste sie etwas Besonderes, einen funkelnden Fang aus dem Meer ihrer Stunden mit Niklas. Den Klang seiner eifrigen Schritte im Flur. Den Geschmack der Brombeeren, die er mit vollen Händen zu ihr in die Küche getragen hatte, da er nie daran dachte, eine Schüssel mit hinauszunehmen, und die Flecken, die darum immer noch auf dem Teppich waren. Den Geruch der von ihm verlegten roten Steinfliesen auf der Terrasse nach einem Regenguss an einem heißen Nachmittag. Morgens auf dem Kissen sein Profil neben ihr, das ihr einen neuen Tag bedeutete. Den Schein der ungewöhnlichen seegrünen Lampe, die er ihr zu einem Hochzeitstag geschenkt hatte. Den diamantenen Bach durch irgendeine Wiese, an dem sie einen ganzen Junitag verbracht hatten, an dem Niklas eigentlich im Büro hätte sein müssen. Er war sehr pflichtbewusst, aber immer wieder einmal sagte er: „Manchmal ist es wichtiger, mit dir sehen zu gehen.“ Dann schenkte er ihr vierundzwanzig Stunden am Stück. Jeden dieser Tage bewahrte sie hinter den Bullaugen auf, keiner von ihnen hatte im Laufe der Jahrzehnte an Sekunden verloren.

Auch Lina hatte dunkle Stunden, in denen sie an diese Schätze nicht herankam, aber sie wusste immer, dass sie danach alles unversehrt wiederfinden würde.

Ihr Schiff war großzügig mit seinem Frachtraum, sie konnte beliebig hineinfüllen. Es gab auch Kabinen für die Freunde, die durch ihr Leben gezogen waren wie Pusteblumensamen; manche hatten in ihrer Nähe Wurzeln geschlagen, andere hatte es weitergetrieben. Längst waren sie alle auf die eine oder andere Weise fort, aber in den kleinen Kajüten des Bernsteinschiffes wohnten sie noch immer. Sie waren es gewesen, die mit Lina zusammen Niklas’ tiefes, erschütterndes Lachen so oft wie möglich hervorgelockt hatten, das durch den Garten lief und nicht nur die Dämmerung zwischen den Johannisbeerbüschen, sondern auch die Zukunft füllte. Selbst für den riesigen, hellblauen Eisberg, den einmal zu sehen sie immer geplant hatten, und bis zu dem das Leben nicht gereicht hatte, war Platz im Schiffsbauch. Es war nicht einmal Traurigkeit um ihn, denn schon in ihren Träumen war er wunderschön gewesen, weil es ein Traum war, der ihnen zusammen gehörte.

Die Klingel rief zweimal, dann knirschte der Schlüssel in der Tür: die pünktliche Krankenschwester von der Sozialstation. „Guten Abend, Frau Amberger! Sie haben ja kaum etwas gegessen! Wie fühlen Sie sich?“ Hastig räumte Schwester Bärbel das Geschirr zusammen, das der fahrbare Mittagstisch gebracht hatte. Sie sah müde und besorgt aus.

„Danke, es geht mir hervorragend“, sagte Lina beruhigend. Um die Schwester zu überzeugen, war hinter den Worten nicht genug Luft, dabei war ihre Wahrheit aufrecht wie die Schiffsmasten.
Schwester Bärbel fischte eilig ihr schlangengleiches Stethoskop aus der Tasche und richtete ihre Ohren auf die Wogen in Linas Brust. „Schon wieder so viel Wasser“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Sie hatte plötzlich Falten auf der Stirn wie der Strand nach einer Sturmflut. „Haben Sie Ihre Herztabletten nicht genommen?“

„Ich war ganz artig“, sagte Lina belustigt. Schwester Bärbel müsste in ihrem Beruf eigentlich wissen, dass kein Leben ewig auf dem Weg ist.

„Es tut mir leid, das kann ich nicht verantworten. Ich werde den Notarzt rufen.“ Schwester Bärbel stopfte im Nebenzimmer eifrige Sätze durchs Telefon. Dann kam sie zurück und nahm Linas Hand. „Frau Amberger“, sagte sie, „der Arzt wird in etwa einer Stunde hier sein. Ich muss jetzt schnell noch zu einem Patienten, aber bis der Arzt kommt, bin ich wieder da und lasse ihn rein. Sie brauchen nicht aufstehen.“

„Ist gut, Kindchen“, sagte Lina.

„Dann packe ich Ihnen auch noch eine Tasche“, versicherte Schwester Bärbel. „Es kann sein, dass er Sie ins Krankenhaus einweist. Überlegen Sie schon mal, was Sie mitnehmen wollen.“ Weg war sie. Die Tür klickte ins Schloss.

Das Meer aus Stille in der Wohnung kehrte zurück. Lina schmunzelte. Sie musste nichts mitnehmen. Es war alles geborgen in ihrem Schiff.

Der Arzt würde verstehen, dass eine Welle zu Ende geht und dass dieselbe Welle nie wiederkommt. Es ist immer eine andere, die aber so vieles aus der alten in sich weiter trägt. Und die Wellen tragen die Schiffe den Himmel entlang, und die Schätze sinken nicht, wenn sie wirklich waren.

Die Zahlen neben Wetter-Willi zeigten an, dass die Sonne heute um 19.32 Uhr untergehen würde.

Eines blieb noch zu tun. Lina fischte einen Filzstift vom Tisch und suchte nach ihren Krücken. Unter Willis wachsamem Blick sammelte sie die restliche Luft und richtete sich auf. In ihr war etwas leicht, und diese Leichtigkeit stieg auf wie eine Flut. Die Krücken brachten sie vor das Bild und sie legte die eine aus der Hand und reckte sich zum Schiff.

Schon lange hatte sie hinten auf den Rahmen „Für Jannik“ geschrieben. Jannik wusste, dass er das Bild erben würde und er wusste auch um seine Ladung. Als er klein war, hatte er sich auf ihrem Schoß gewärmt und zum Schiff aufgesehen, und sie hatte ihm davon erzählt, Schatz um Schatz, außer von den geheimen. Er wusste auch, dass noch Räume frei waren, die er füllen konnte, wenn seine Zeit war.

Aber der Name fehlte noch, und nun plötzlich wusste sie ihn. Es war ganz einfach. Er war nicht stolz und ruhmreich, aber sein Klang passte, es gab nur einen richtigen, und er war großartig genug.

„Lina Niklas“, schrieb sie, etwas krakelig, auf den Bug, der gerade auf einem hohen Wellenkamm triumphierend zum Himmel zeigte. Sie konnte den Wind spüren; eine frohe Brise wirbelte um die Masten und auch um ihre Nase und füllte die Segel neu.

„Niklas Lina“ wäre ihr lieber gewesen, aber Schiffe tragen nun einmal meist weibliche Namen.

Der Weg zurück zum Sofa war unnötig weit. Lina setzte sich behutsam auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken vertrauensvoll an den Schrank. Wie damals an den Leuchtturm.

„Wetter-Willi“, sagte sie, „Grüß den Arzt von mir.“

Sie schloss die Augen und ließ den Atem los. Er stieg unauffällig in die Welt wie Luftblasen am Seeufer an einem stillen Augusttag. Lina freute sich, dass sie sich nun nicht mehr vom Wasser würde trennen müssen, sie, die nie eine wirkliche Schiffsreise gemacht hatte. Nie war sie weiter als bis zur Insel Mainau gefahren oder mit der Fähre bis Amrum oder auf dem Wannsee mit dem blau-weißen Schlauchboot, aus dem heraus Jannik mit nackten jungen Füßen silberne Wasserkugeln in den Sommerhimmel jubelte.

Und doch hatte der Anblick von Schiffen, vor allem Segelschiffen, sie immer fliegen lassen, tief von innen heraus.

Über ihr öffnete Wetter-Willi den Regenschirm.

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Diese Geschichte gibt es auch in dem Buch / eBook


Patricia Koelle
Die Füße der Sterne

Taschenbuch, eBook Amazon Kindle und epub-Format

Patricia Koelles Geschichten sind eine Lupe, die sichtbar werden lässt, wie groß Kleines sein kann. Es sind Geschichten für das verträumte Ende eines Feierabends, den Beginn eines Wochenendes oder die Bahnfahrt zur Arbeit. Geschichten von Himmel, Meer und Erde. Geschichten zum Lächeln, zum Nachdenken, zum Gesundwerden, zum Verschenken, voller Hoffnung und realistischem Zauber.

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Viktorias blauer Garten

Sternhyazinthe

Viktorias blauer Garten

© Patricia Koelle

Blumen Blüten Blau Sternhyazinthe

Die Menschen, die an der Hecke vorbei durch den lärmenden Stadtsommer eilten, verlangsamten unwillkürlich ihren Schritt. Vielleicht war es der Duft, der als unsichtbare Überraschung herüberwehte, oder auch die Ahnung von Stille, die dahinter heimlich einen Sieg errungen hatte.

Es war keine ordentliche Hecke. Wie von einem frischen Wind zerzaust stand sie in der staubschweren Junihitze und sprach ungeniert vom Frühsommerhimmel, denn sie war garniert mit zwei verschiedenen Sorten blauer Blüten. Sie bestand aus Sommerfliederbüschen, die ihre blauen Rispen kreuz und quer in die Gegend reckten, und oben darauf turnten auf ganzer Länge Trichterwinden herum und richteten unübersehbare Trompeten in alle Richtungen wie einen stummen Widerspruch gegen Abgase und Motorengebrumm. Viktoria nutzte jeden Platz doppelt, den ihr winziger Vorgarten bot. Darum kletterte auch eine Waldrebe bis in den Wipfel des Apfelbaums, so dass nachtblaue Blüten wie gute Sterne über den Früchten standen, die noch nicht mehr als kleine grüne Versprechen waren.

Viktorias Vorgarten war kaum mehr als eine verlängerte Terrasse vor ihrer dunklen Parterrewohnung. Es wirkte als strecke das Haus dem Stadtgrau frech die Zunge heraus, und so empfand es auch Viktoria. Allerdings sah man diesen Triumph von außen nicht; es blieb ihr Geheimnis, das sie nur gelegentlich mit einem Mann aus ihrer Erinnerung teilte. Sie trotzte der engen Straße, indem sie den Garten in eine blaue Schüssel verwandelte, in der sie das Licht und die Weite des Himmels fing, die Kühle der Dämmerung und die weiche Stille der Nacht. Den Gerüchen nach Benzin, Hundekot und altem Frittieröl setzte sie eine Mauer aus Hyazinthen-, Veilchen-, Heliotrop- und Fliederduft entgegen.

Der Sommer hatte den Frühling gerade erst beiseite geschoben und Viktoria war dabei, verblühtes Männertreu und Vergissmeinnicht durch Glockenblumen und Jungfer-im-Grünen zu ersetzen, die sie vorsichtig mit bloßen Händen aus der Saatschale barg und ihnen einen Platz zu Füßen des Rittersporns zuwies, der sich dicht gedrängt in sämtlichen Blauschattierungen auf dem sonnigsten Platz in die Höhe wagte. Daneben plätscherte zwischen Kornblumen ein winziger solarbetriebener Terrakottabrunnen. Er spülte die wenigen Stadtgeräusche fort, die sich über die Hecke gewagt hatten. Unter dem blaubesternten Apfelbaum standen zwischen Büscheln später Iris ein Tisch, gerade ausreichend für einen Kuchenteller und eine Tasse, und ein Stuhl, von welchem auf dem Sitz die blaue Farbe abzublättern begann. Während sie behutsam Erde um zerbrechliche Wurzeln herum andrückte, sah Viktoria wie so oft ganz deutlich Jonas dort sitzen. Dass die siebenundzwanzig Jahre alte Erinnerung an ihn manchmal konkrete Gestalt annahm, hatte sie anfangs noch erschreckt; nun war sie daran gewöhnt und empfand ihn als angenehme Gesellschaft. Er passte einfach so gut hierher. Irgendwann hatte sie auch aufgehört darüber zu grübeln, ob Jonas vom Garten angelockt wurde oder ob sie in dieser Hoffnung den Garten genau so gestaltet hatte, weil Blau seine Farbe war. Hier liefen nun die Jahreszeiten wie eine Meereswelle über die wenigen Quadratmeter im Betonozean der Stadt. Das begann im März mit Krokussen, Primeln und Hasenglöckchen und endete im Oktober mit einem Feuerwerk aus Kugeldisteln und blauen Astern.

Das Meer, Jonas‘ Blick und die Weite am Horizont – damals war ihr alles wie ein Rausch dieser einzigen Farbe erschienen. Obwohl seine Augen gelegentlich auch grau sein konnten wie ein nebelverhangener Morgen über dem Fjord. Sie hatte kein Foto aus jenem Sommer, doch wenn sie hier im Garten Jonas‘ Erinnerung begegnete, war er lebendiger als jedes Bild.

Sie waren beide allein unterwegs gewesen, in einer Pause vom Leben. Gleich hinter der Grenze zu Dänemark waren sie sich begegnet, in der Wechselstube, und dann erneut auf dem ersten Campingplatz. Von da an waren sie gemeinsam weiter gezogen, jeder mit seinem Zelt, entlang der ganzen dänischen Küste bis hinauf nach Skagen. Sie sah Jonas noch immer ganz nah vor sich, wie er auf einem Felsen stand und in strahlendem Jubel die Arme zum Himmel hob, das kalte klare Blau des Skagerraks hinter sich, auf das sich trotz der späten Stunde kein Abend senken wollte, und das Licht in seinen Augen, das sie glücklich im Innersten traf wie die Berührung, die es nie gab.

Eine Frau, von der er nur einmal sprach, spielte eine Rolle in seinem Leben, und außerdem waren Viktoria und Jonas beide mitten in einer Ausbildung an verschiedenen Enden des Landes. Eine gemeinsame Zukunft kam gar nicht erst zur Sprache. Doch die leuchtende Kameradschaft jener Urlaubstage, die Geschichten, die sie nachts von Zelt zu Zelt in die Dunkelheit spannen wie silberne Fäden des beginnenden Altweibersommers, das Barfußlaufen im morgenkalten Sand und das Treibenlassen in den Wellen am Anfang und am Ende der langen hellen Tage reichten aus, um großzügige und leichte Träume in Viktoria zu wecken, als hätten ihre Gedanken einen neuen, endlos weiten Raum gefunden.

Nach ihrer Rückkehr lenkte sie sich ab, indem sie das schmutzigkahle Stück Erde vor dem Haus in einen Garten verwandelte. Mit den Blumen pflanzte sie ihre jungen Träume, die über die Jahre unverrückbar tiefe Wurzeln schlugen, ungeniert wuchsen und Ableger ins Leben trieben. Erst nach einiger Zeit bemerkte Viktoria, dass sie nur blaue Blüten für ihre Beete ausgewählt hatte. Sie beließ es so, weil die ruhige Kühle, die davon ausging, ihr wohl tat und die Erinnerung an Jonas und den Meersommer sich darin wohl zu fühlen schien. Am Ende waren alle Farben des Himmels hier zu Hause.

Es hatte noch Männer gegeben in ihrem Leben seitdem. Der eine hatte ihr eine rote Rose geschenkt und eigenhändig neben den Rittersporn gepflanzt, doch nach wenigen Jahren hatte Viktoria sie aus dem Garten verbannt. Die Farbe war ihr zu laut und blieb fremd. Später überreichte ihr ein Anderer einen Goldregen, dem sie auch eine Weile einen Platz gewährte. Doch dann wurde ihr das Gelb zu erdrückend und sie trennte sich auch davon.

Für Viktoria verlor eine Zeit nicht ihre Gültigkeit, nur weil sie längst vorbei war. Jonas blieb so wirklich, wie er jemals gewesen war. Ja, in letzter Zeit hatte sie sogar bemerkt, dass er mit ihr gemeinsam alterte. Er saß ein wenig gebeugter auf dem Stuhl, und wenn die Sonne tief stand, glänzte das weiße Haar an seinen Schläfen. Das Licht warf auch kleine Schatten in seinem Gesicht wenn es die Fältchen um seine Augen fand. Es war gut so; so wurden Jonas und Viktoria sich nicht fremder.

Allerdings sah er ihr nie direkt in die Augen. Sein Blick ging immer ein wenig an ihr vorbei, in die Weite über die Hecke hinweg in die Welt draußen. Sie nahm an, dass er sie nicht so sah wie sie ihn.

Doch die Bienen summten im Sommerflieder, und zusammen mit dem Plätschern des Brunnens klang es wie leises Rauschen von altem Wind und fernen Wellen. Viktoria setzte sich ins Gras, um Jonas nicht von seinem Stuhl zu verdrängen. Gegen den Apfelbaum gelehnt, schlief sie ein. In der warmen Dämmerung sprach Jonas zu ihr, und die Menschen auf der Straße gingen langsamer, denn es war ihnen als hätten sie ein Flüstern vernommen.

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Diese Geschichte gibt es auch in dem eBook

Patricia Koelle
Viktorias blauer Garten
Drei Liebesgeschichten

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Hannas Feiertage

Sonnenuntergang am Meer

Hannas Feiertage

© Patricia Koelle

Sonnenuntergang am Meer

Auf dieser Ferienreise war mir der Nachthimmel zum ersten Mal fremd. Der Große Wagen, die Kassiopeia, der Schwan: kein Sternbild war dort, wohin es in meiner Welt gehörte. Dafür erklärte Vater mir das Kreuz des Südens. Es erschien mir großartig und unwirklich hell über den struppigen Palmwipfeln. Die Milchstraße brannte sich einen Weg durch ein so unbekannt tiefes Schwarz, dass ich kaum zu atmen wagte. Mir war, als hätte jemand die Erde umgedreht wie eine Eieruhr und ich wäre als ein Sandkorn in das andere Teil gestürzt.
Es war Oktober, und zuhause war alles klar rot und gelb. Hier aber flossen neue Farben weich ineinander, überschwänglich und zahllos, als wäre ich mitten in Omas Seidenschal gelandet.
Der Strand war wie aus heißem Licht und das Meer gleichzeitig warm und kühl. Das Wasser glühte in einem Ton zwischen Türkis und Smaragd, den ich noch nie gesehen hatte, mit dunklen Flecken aus Seegraswiesen. Über die Dünen zogen sich Ranken voll hellblauer Trichterblüten, und irgendwo in dem Gewirr dröhnte ein Zikadenorchester in einem Rhythmus, der meinen Herzschlag aufnahm als gehörte ich in dieses Land.
Wolken türmten sich hier nur morgens und abends, dann aber gewaltig. Dazwischen spann sich in hohem Bogen ein gleißender Tag von dreiunddreißig Grad im Schatten. Meinen Vater zog es zu seinen Büchern und der gnadenlos eisigen Klimaanlage in das Hotel, meine Mutter in den Schatten eines zotteligen Sonnenschirms aus Stroh. Ich saß daneben, müde vom Schwimmen, und steckte ein Mosaik aus glänzenden eiförmigen Samen in den Sand. Die Samen hatte ich unter einem Baum mit tellergroßen Blättern gefunden.
Aus dem weiten Staunen kam ich hier nicht mehr heraus, es war als wäre diese eine Woche endlos, weil so unglaublich viel darin war.
Es waren nicht viele Touristen am Strand, aber diejenigen, die in unserer Nähe auf ihren Handtüchern lagen, hatten Kopfhörer auf den Ohren und bohrten mit den Augen Löcher in den Himmel, dösten vor sich hin oder blätterten gelangweilt in einer Zeitschrift.
Am Flutsaum in der Ferne bewegte sich ein greller Farbklecks. Als er uns näher kam, stellte er sich als ein feuerwehrfarbener Bikini heraus, in dem eine kleine, alte Dame steckte. Durch ihre weißen Haare zog sich eine ebenfalls feuerwehrfarbene Strähne und hinter ihrem rechten Ohr wippte eine große violette Blüte. Sie ging direkt auf uns zu, mit einem Lächeln weit wie der Horizont.
„Frohe Ostern!“ sagte sie.
Es war immer noch Oktober, auch wenn wir uns auf der anderen Hälfte der Erde befanden.
Meine Mutter zuckte nicht mit der Wimper.
„Fröhliche Weihnachten“, erwiderte sie heiter.
Die kleine alte Dame lachte auf. Es klang silbern und leicht wie das Windspiel, das zuhause am Apfelbaum hing.
Begeistert streckte sie meiner Mutter die Hand hin. „Hanna. Hanna Warlich. Ich habe Sie im Restaurant belauscht, daher wusste ich, dass Sie auch deutsch sind.“
„Kringe“, sagte meine Mutter, die nichts davon hielt, von Fremden beim Vornamen genannt zu werden.
„Nina“, sagte ich.
„Darf ich?“ fragte Hanna Warlich und setzte sich zu uns, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Wissen Sie“, sagte sie, „ich bin vor einigen Jahren hierher gezogen. Hier fühle ich mich viel lebendiger als ich alt bin. So bunt. Jeder Tag ist ein Wunder und kribbelt in mir wie Brause. Jede feine Muschel, jede glühende Blume, jedes rauschende Gewitter, alles ist beglückend.“ Sie fischte eine Reiherfeder aus dem Sand und zeichnete damit Muster um unser Handtuch herum.
Vögel Reiher Graureiher Reiher gab es einige am Strand. Stumm standen sie im flachen glasklaren Wasser und warteten auf Fische. Ihre Füße waren wie riesige Seesterne. Wenn ich mich ihnen näherte, hoben sie beiläufig den Schnabel und sahen mir in die Augen. Sie waren fast genauso groß wie ich mit meinen zwölf Jahren und wirkten so würdevoll, dass ich fast meinte, mich vor ihnen verbeugen zu müssen. Komischerweise hatte ich bei Hanna, klein und runzlig wie sie war, ein ähnliches Gefühl.
„Und dann sehe ich die Touristen“, sagte Hanna leise, wie zu sich selbst. „Sie nehmen den weiten Weg auf sich. Sie zahlen mehr, als sie sich leisten können, um einmal in der Karibik gewesen zu sein. Die ersten drei Tage sehen sie mit großen Augen um sich. Danach sitzen sie den Rest der Zeit am Pool herum oder an der Bar. Oder sie drehen sich auf ihren Liegestühlen und Handtüchern in der Sonne wie Brathähnchen am Spieß und interessieren sich nur dafür, ob die Sonnencreme gleichmäßig verteilt ist und was wohl in der deutschen Zeitung steht. Sie haben einen flachen Blick wie Kühe beim Wiederkäuen. Drei Tage sind sie lebendig, und dann zerknüllen sie die Zeit und werfen sie weg wie ein Butterbrotpapier.“
Hanna ließ die Feder fallen und richtete sich auf. „Sie nicht“, sagte sie schnell und entschuldigend. „Ihre Familie ist anders, dass habe ich gleich gesehen.“
„Aber warum sagen Sie ‚Frohe Ostern‘, wenn es doch Herbst ist?“ wollte ich endlich wissen.
Sie richtete ihren blanken Eichhörnchenblick auf mich. „Weil sie dann aufwachen“, erklärte sie und ihre Augenwinkel schlugen verschmitzte Falten wie die winzigen Wellen, die in der aufkommenden Nachmittagsbrise auf den Strand liefen.
„Weißt Du, wie es ist, wenn zuhause von Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt wird, oder umgekehrt? Die Menschen werden ein wenig durcheinander gebracht. Plötzlich sehen sie wieder bewusst die Sonne untergehen, sehen morgens wach und neugierig aus dem Fenster, überlegen, wann sie essen und wann sie ins Bett gehen sollen, nur weil alles von einer Minute zur anderen ein bisschen anders ist, als sie es gewöhnt sind.“
Ja, das kannte ich. Ich fand es jedes Mal verwirrend und wusste nie so richtig, ob der Tag nun vor- oder zurückgedreht worden war. Im Sommer bedeutete es jedenfalls, dass wir länger draußen spielen durften, als ob es plötzlich mehr Zeit gäbe, so wie die Limonadengläser ja auch viel größer waren als die für den Wintertee.
„Ja“ fuhr Hanna fort, „und wenn ich hier im Herbst am Strand entlang gehe und zu den Menschen „Frohe Ostern“ sage, ist es ähnlich. Sie schrecken auf, sind verwirrt, fangen an, nachzudenken. Sie müssen sich neu orientieren, vergewissern, ob sie auch wirklich da sind in der Zeit, wo sie zu sein glaubten. Sie sehen sich wieder um. Sie lächeln. Sie entdecken Dinge. Es ist, als hätte man sie kurz hochgehoben, durchgeschüttelt, und aufrechter wieder auf ihre Füße gestellt.“
Sie schwieg einen Moment. „Manche halten mich natürlich auch für verrückt. Oder senil“, sagte sie und grinste. „Sie finden es peinlich oder komisch. Es macht mir nichts aus. Auch sie wachen kurz auf. Nur weil ich ein Blinzeln lang ihre Zeit durcheinander gewirbelt habe. Auch sie lächeln. Und gehen ein wenig anders weiter.“
Auf dem Weg zum Hotel fixierte meine Mutter eine Familie von Deutschen, die alle ein Kaugummi im Mund und den Blick auf eine Zeitung oder ein Comicheft gesenkt hatten. „Frohe Ostern!“ sagte sie laut.
Die vier zuckten zusammen und sahen hoch. Wie die Flut stieg erst Verblüffung, dann ein Lächeln in ihren Gesichtern auf. Sie sahen erst meiner Mutter hinterher, dann auf das Meer. „Schau mal, Lisa“, sagte der Vater „was für ein Sonnenuntergang.“ „Oh, da ist gerade ein großer Fisch hochgesprungen!“ rief einer der Jungen aufgeregt.
„Weißt Du was“, sagte meine Mutter, „Frau Warlich hat recht.“
In der Nacht träumte ich von Hanna. Sie rührte mit einem riesigen steinernen Kochlöffel am Himmel die Zeit um, so dass die Sterne sich anders ordneten und das Kreuz des Südens sich zu einem Kreis formte.
Hanna Warlich war nicht aufdringlich. Meist winkte sie uns nur von ferne zu. Jeden Tag sahen wir sie am Flutsaum entlang wandern, wie die flinken kleinen Vögel, die dort herumsausten und nach Krebsen suchten. Hinter ihr ging immer eine Bewegung durch die Menschen, so als wäre eine frische Brise den Strand entlang gehuscht und hätte die zähe Trägheit mit sich genommen.
Heute ist die offene Weite zerbrochen an den Hochhäusern voller Reisender, doch damals hatte der Strand viel Platz für das große Lächeln einer kleinen alten Dame, die mit zwei Worten die Zeit verdrehte und die Menschen anhalten und hinsehen ließ.
Einmal hockte sie sich kurz neben uns. „Können Sie finnisch? Oder eine andere seltenere Sprache?“ fragte sie.
„Leider nicht. Warum?“ fragte Mutter.
„Ich möchte zu allen ‚Frohe Ostern‘ sagen können. Viele können Englisch. Mit ‚Happy Easter‘ geht es meistens. Aber es gibt die, die mich gar nicht verstehen. Sie lächeln auch, freundlich und hilflos, aber das ist nicht die Sorte Lächeln, die ich sammle. Es weckt nicht. Macht nichts“, sagte sie fröhlich und stand auf, „in sieben Sprachen kann ich es schon, und es werden Menschen kommen, die es mir in anderen beibringen können. Habt noch einen hellen Tag!“ Weg war sie.
Als unsere Woche mit dem endlosen hohen südlichen Himmel und dem glasklaren Meer voll zerbrechlicher Schönheit zu Ende war, kam Hanna an unseren Frühstückstisch, um sich von uns zu verabschieden. Die Klimaanlage und die Wehmut ließen uns trotz Reisejacken frösteln. Hanna trug ein apfelgrünes Minikleid und einen Sombrero, unter dem ihre fünf Enkel Schutz gefunden hätten, und sie hatte nicht einmal eine Gänsehaut.
„Es war so schön, dass wir uns begegnet sind“, sagte sie. „Bleibt wach!“
Ein Bus fuhr klappernd vor und wir stiegen in seinen hohlen Bauch. Hanna stand am Straßenrand und winkte. Sie sah sehr klein aus.
Meine Mutter kurbelte das Fenster herunter und brüllte über das Motordonnern hinweg: „Ein frohes Neues Jahr!“
Alle setzten sich gerader und alle verschlafenen Köpfe drehten sich erst fragend zu ihr um und sahen dann neugierig aus dem Fenster. Mutter rückte sich in ihrem Sitz zurecht und lächelte zufrieden.
Im Rückfenster sah ich den Sombrero auf dem Weg zum Strand.

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Stichwörter:
Patricia Koelle, Geschichten, Kurzgeschichte, Ostern, Weihnachten, Meer, Strand, Urlaub, Ferien, Short Story, Literatur

Des Königs Osterei

Osterei

Des Königs Osterei

© Patricia Koelle

Ostern OstereiLeo Klinger staubte das alte Nähkästchen sorgfältig ab, ehe er es auf den Tisch mit der filigranen Einlegearbeit stellte. Es passte gut zu dem zierlichen Sofa mit dem honigfarbenen Samtbezug.

Er betrachtete jeden Gegenstand in seinem Antiquitätenladen als einen guten Bekannten, dem man mit Zuneigung und Respekt entgegenkommt. Er hatte auch Freunde unter ihnen. Zum Beispiel die achteckige Teekanne mit dem feinen blauen Muster. Die gesamte Porzellansammlung lag ihm besonders am Herzen. Es schmerzte ihn jedes Mal, wenn er etwas davon verkaufte.

Das lag am Ei des bulgarischen Königs.

Als Leo und sein Bruder Karl Kinder waren, hatten sie sofort nach Weihnachten angefangen, auf Ostern zu warten. Die Geschenke waren nicht der Grund. Es gab bei ihnen nicht viel zu Weihnachten, und zu Ostern schon gar nicht. Leos Vater arbeitete als technischer Zeichner in einem Architekturbüro. Er machte seine Arbeit gewissenhaft und war einer der genauesten, aber er war doch nur einer von vielen, und manchmal gab es keine Aufträge. Er verdiente nur wenig. Oft war er zuhause und zeichnete Traumhäuser für die Jungen. Er konnte gut zeichnen und malte auch Gardinen an die Fenster und Blumen in die Gärten. „Ich tue das nur, damit ihr lernt, wie man perspektivisch zeichnet“, sagte er.

Sie wussten, dass sie nie ein Haus besitzen würden, aber sie hatten Freude daran, die ausgedachten Häuser immer wieder anders zu bauen, einzurichten und Apfelbäume mit Schaukeln daran in die Gärten zu malen. Es gab Vaterhäuser, Leohäuser und Karlhäuser, und manchmal auch Mamahäuser, aber Mama war meistens krank, und sie starb, als die Jungen noch sehr klein waren. Es wurde nicht viel darüber geredet. Das Leben ging weiter. Vater Klinger war ein sachlicher Mann und lebte ebenso genau wie er zeichnete. Über Gefühle sprach er nicht. Außer den Traumhäusern hatte er kaum etwas mit Leo und Karl gemeinsam, aber er sorgte gut für sie, jedenfalls so gut es das Konto erlaubte.

Und auch Weihnachten und Ostern gab es weiterhin.

Für kleine Jungen liegt eine Ewigkeit zwischen Weihnachten und Ostern. Aber wenn der Schnee zum Schlittenfahren sich in grauen Matsch verwandelte, begannen sie, jeden Morgen, noch im Schlafanzug und barfüßig, als Allererstes einen Blick auf den Esszimmertisch zu werfen. Irgendwann kam jedes Jahr der Morgen, an dem das Osterei des bulgarischen Königs mitten auf dem Tisch stand. Darauf konnten sie sich verlassen.

Es war aus Porzellan und ungefähr so groß wie eine Teekanne. Nur, dass es eben ein Ei war. Es lag quer und bestand aus zwei Hälften. Die Untere hatte einen Fuß mit einer gewellten Kante. Die Obere war ein Deckel, den sie mit beiden Händen hochheben mussten, so groß war das Ei. Dabei entstand ein bestimmter Ton: kein Klappern, kein Klirren, sondern ein würdevolles Geräusch. Leo würde es sein Leben lang nicht vergessen. Es startete immer eine kleine Aufregung im Bauch. Auf dem Deckel war ein Stückchen hellgrüne Wiese gemalt, auf der ein Hahn und Hühner herumliefen. Um den Rand, und auch um den Rand des Fußes, zog sich ein Band aus glühendem Dunkelblau mit feinen goldenen Mustern.

Leo und Karl wurden in der Schule oft ausgelacht, nicht nur weil sie Hosen trugen, die um Einiges zu kurz waren, und weil ihre Schulmappen längst nicht mehr modern waren. Aber sie schwiegen und nickten einander zu, weil der eine wusste, was der andere dachte. Sie hatten trotz allem das Ei des bulgarischen Königs zu Hause. Keiner aus ihrer Klasse besaß so etwas. Sie verrieten nichts davon, denn es hätte ihnen sowieso niemand geglaubt. Ganz sicher wäre der Zauber zerlacht worden. Aber die Tatsache, dass es das Ei gab, tröstete sie. Auch in abgetragenen Hosen war man kein Nichts, wenn man so etwas besaß.

Es war die Oma, die ihnen die Geschichte erzählt hatte, denn der Vater war kein Mann mit Geschichten. Wenn die Oma kam, war alles anders, denn im Gegensatz zum Vater hatte sie ein Lächeln und Lob und Umarmungen zu verschenken. Als die Oma ein kleines Mädchen war, so berichtete sie, wohnte sie einige Zeit am Hof des bulgarischen Königs, denn ihr Vater, also Leo und Karls Urgroßvater, war dort für den Fuhrpark zuständig. Er kümmerte sich um die Autos und fuhr auch den König und den Kronprinzen zu ihren wichtigen Terminen. „Und weil die Autos damals noch keine eingebauten Uhren hatten, montierte der Urgroßvater eine große und eigenartige Uhr aus einer Eisenbahn neben dem Lenkrad, so dass er trotzdem immer pünktlich war“, erzählte die Oma. Weil er so pünktlich war, war der König sehr zufrieden mit ihm. Auch der Kronprinz mochte ihn, da der Urgroßvater ein Mann war, der ein herzliches und bereitwilliges Lachen hatte. Darum bekam die Familie an Ostern vom König ein Ei aus Porzellan geschenkt. Gewiss waren auch einige Leckereien darin gewesen, doch an die konnte sich niemand erinnern. Fest stand, dass ausgerechnet das große, zerbrechliche Porzellanei des bulgarischen Königs unzählige Umzüge, Omas Kindheit, zwei Kriege, eine Flucht, und schließlich Vaters Kindheit unbeschadet überstanden hatte und nun auch Leos und Karls klebrigen Fingern zur Verfügung stand.

Wenn es an Ostern auf dem Tisch erschien, waren immer ein paar Zuckereier und Schokoladenhasen darin. Leo und Karl freuten sich darüber, aber es waren nicht die Süßigkeiten, die den Zauber ausmachten. Es war die Tatsache, dass bei ihnen das Osterei des Königs auf dem Tisch stand und sie es benutzen durften, als sei das selbstverständlich. Es bedeutete, dass Märchen wirklich sein können, auch wenn man aus seinen Hosen herausgewachsen ist und neue zu teuer sind. Es bedeutete vor allem, dass Vater ihnen zutraute, mit dieser Kostbarkeit umzugehen. Beinahe war es, als würde er ihnen damit einmal sagen, dass er sie doch gern hatte und dass er unglaublicherweise stolz genug auf sie war, um sie aus dem Ei des Königs naschen zu lassen. Leo dachte lange Zeit, der Frühling sei in dem Ei. Dass alle Blüten aufgingen und der zartgrüne Schleier, der ihn jedes Jahr zum Platzen glücklich machte, genau in dem Augenblick über die Bäume flog, wenn sie den Porzellandeckel das erste Mal im Jahr öffneten.

Und darum war jetzt, nach Jahrzehnten, die Porzellansammlung für Leo immer noch das Liebste in seinem Antiquitätenladen. Er hatte sich das Geschäft ganz allein erarbeitet, hatte gejobbt und gespart und gelernt und war in der Nachbarschaft auf Dachböden herumgestiegen, bis er in einem winzigen Zimmer das erste Mal geheimnisvolle Schränkchen und zart bemalte Mokkatassen verkaufte. Jetzt, nach vierundzwanzig Jahren, hatte sein Name einen guten Ruf, und die Geschäftsräume an der Lilienthalstraße konnten sich sehen lassen. Sein Vater hatte nie etwas dazu gesagt. Zweimal war er im Laden gewesen und hatte die Preisschilder betrachtet. „Ganz schön teuer“, hatte er gemurmelt.

Karl war Architekt geworden. Leo hatte nie herausgefunden, ob das wirklich Karls Traum gewesen war, oder ob er dem Vater etwas hatte beweisen wollen. Karl lachte ohnehin morgens über die Zeitung, mittags über Nachbars Hund und abends über die Wurst auf dem Brot. Schwer zu sagen, ob ihm etwas mehr oder weniger Spaß machte. Der Vater sagte jedenfalls auch dazu nichts, und Karl nahm ein Angebot aus Philadelphia an. Leo hatte ihn seit fünf Jahren nicht gesehen, allerdings telefonierten sie einmal im Monat. Im letzten Telefonat hatten sie ausgemacht, dass Karl nicht nach Deutschland kommen musste, nur um bei der Auflösung der Wohnung zu helfen. „Du bist schließlich Profi“, hatte Karl gesagt.

Der Vater hatte ganz von sich aus beschlossen, die Wohnung aufzugeben. Die Treppen fielen ihm längst zu schwer, der Umzug hingegen nicht, denn er war ja kein sentimentaler Mann. Er war in ein kleines Zimmer in einem Seniorenhaus gezogen und hatte nur mitgenommen, was er brauchte. „Alles andere lasse ich einfach in der Wohnung“, hatte er zu Leo gesagt, „und du kümmerst Dich dann darum, Junge, nicht wahr?“

Darum schloss Leo jetzt den Laden ab, mitten an einem Donnerstag. Es war Ende August, und die Hitze lag in den Straßen und in der verlassenen Wohnung, als könne man sie mit einem Kochlöffel umrühren. Staubiges Sonnenlicht fiel durch die Spalten in den heruntergelassenen Jalousien. Eine gefangene Hummel brummte verzweifelt in einem Lampenschirm und es roch nach alten Gardinen und Äpfeln. Leo öffnete die Fenster, obwohl die Luft draußen fast stickiger war als drinnen. Er fing mit dem Schlafzimmer an. Zweifelnd betrachtete er die wenigen Jacken und Hosen, die sein Vater im Schrank gelassen hatte und beschloss dann, dass diese tatsächlich nicht einmal mehr für das Rote Kreuz zu gebrauchen waren. Es fiel ihm dennoch schwer, sie endgültig in den blauen Säcken verschwinden zu lassen, vor allem das karierte Jackett mit den Lederflicken an den Ärmeln. Das hatte sein Vater in der Zeit getragen, als sie noch auf Karopapier die Traumhäuser entworfen hatten. Aber sie war am Saum hoffnungslos ausgefranst und hatte Mottenlöcher, und Leo, der einen ganzen Kopf größer als sein Vater und in den Schultern breiter war, hätte ohnehin nicht hineingepasst. Eine Jacke hängt man sich auch nicht an die Wand. Also verabschiedete er sich schweren Herzens davon. Damals hatten sie noch hin und wieder auf Vaters Knie gesessen oder sich an ihn gelehnt, wenn er die Zeichnungen erklärte, und danach waren Fusseln von dem alten Jackett auf ihren Pullovern gewesen als bliebe die beiläufige Berührung mit ihm noch bei ihnen. Heute trug er ordentliche Anzüge und sie gaben sich bestenfalls die Hand wenn sie sich sahen. Mit Umarmungen wusste keiner von ihnen umzugehen.

Das Bett zerfiel fast zu einem Haufen Staub, als er die Matratze anhob. Es war nur aus Pressspan gewesen. Er zerschlug die Reste behutsam und versenkte die Splitter in einem anderen Sperrmüllsack. Den Schrank wischte er sauber. Er besaß zwar keinen Wert, war aber geräumig und aus solidem Holz. Innen roch er vertraut. Vielleicht, dachte Leo, konnte er ihn im Büro für seine Unterlagen benutzen und so ein Stück Erinnerung in die Zukunft retten. In der Küche waren nur ein paar angeschlagene Teller und Tassen mit Teeflecken, die nicht mehr zu entfernen waren. Er fügte sie dem Sack mit dem Bett zu, ebenso die zwei defekten Kaffeemaschinen; und das war alles, was von den vielen Küchenmahlzeiten übrig geblieben war. Den kleinen Tisch, an dem sie gegessen hatten, hatte der Vater mitgenommen. Wenigstens etwas, dachte Leo, und versteckte die beiden fauligen Äpfel aus dem Kühlschrank in der Erde des Blumenkastens am Fenster. Er konnte sich nicht erinnern, dass jemals Blumen darin gewesen waren.

Blieb noch das Wohnzimmer. Dem Sessel fehlte ein Bein und der größte Teil des Polsters, vom Teppich war nicht viel mehr als das Grundgewebe übrig nach all den Jahren von Männerschritten, die darauf unterwegs gewesen waren. Er rollte ihn zusammen und stellte beides in die Ecke zu den Müllsäcken, die schon dort standen. Morgen würde er alles abholen lassen. Außer ein paar Konzert- und Fußballstarpostern, die die Jungen in ihren jeweiligen Phasen dort angepinnt hatten, waren nie Bilder an den Wänden gewesen. Leo zog ein von Zeit und Feuchtigkeit gewelltes Plakat der Rolling Stones von der Wand und stopfte es in einen der Säcke. Dabei fiel ihm ein Bündel geknickten Karopapiers auf. Er zog es aus dem Sack und strich es glatt.

Die Leohäuser und die Karlhäuser. Vater hatte keinen Grund gesehen, sie aufzuheben. Leo hörte seine Stimme durch den teppichlosen Raum hallen. „Ich wollte doch nur, dass ihr perspektivisch zeichnen lernt. Das könnt ihr ja jetzt.“ Leo suchte nach einer sauberen Plastiktüte und steckte die Zeichnungen sorgfältig ein. Er nahm die verblichenen Gardinen ab und füllte den letzten Sack damit. Blieb nur noch das kleine Wandkabinett, in dem ein paar gute Weingläser und eine Karaffe standen.

Und das Osterei des bulgarischen Königs.

Leo stand eine Weile davor. Vater hatte es nicht mitgenommen. Karl war in Amerika. Dann durfte er es jetzt wohl hüten. Es würde als geheimer unverkäuflicher Höhepunkt der Porzellansammlung in seinem Laden stehen und einen hoffnungsvollen Hauch von Frühling in die Räume tragen.

Behutsam hob er den Deckel, aus Gewohnheit. Ostern war lange vorbei. Doch wenn er seinen Vater zur Osterzeit besucht hatte, waren immer ein paar Zuckereier darin gewesen, extra für ihn. Darauf konnte er sich immer noch verlassen. Der Zauber des Ostereis war eine Sache, die Vater zu geben wusste. Das war die kleine und bedeutsame Stelle im Leben, an der sie sich begegnen konnten. Auch jetzt, an diesem letzten Augustnachmittag in der Wohnung, lagen drei Eier darin, wo auch immer der Vater sie zu dieser Zeit herhatte.

Und ein Zettel.

Leo faltete ihn auseinander. Es war ein alter Einkaufszettel, auf dem etwas von Pulverkaffee und Socken stand. Aber die Notizen waren durchgestrichen, und auf der Rückseite stand:

„Lieber Leo, lieber Karl. Ihr seid immer das Helle und Herzliche und das Lachen in meinem Leben gewesen. Ich bin stolz auf euch, und auch wenn ich es nicht zeigen kann, ich habe euch sehr gern. Vater“

Leo saß noch lange mit dem Zettel in der Hand da. Dann wickelte er das Ei des Königs in einen von Vaters alten Pullovern und steckte es in die Tasche zu den Traumhäusern. Er schloss die Wohnung jetzt ohne Traurigkeit ab. Er fühlte sich wie ein König. Das lag nicht an dem königlichen Ei in seiner Tasche. Es war der Zettel. Zuhause im Büro faxte er ihn sofort an Karl.

Abends legte er eine alte Platte der Stones auf und begann, die Zeichnungen der Leo- und Karlhäuser mit Pastellkreiden zu kolorieren. Er würde die schönsten an der Wand im Laden aufhängen. Im Ofen duftete ein Apfelkuchen. Gleich morgen wollte er seinen Vater besuchen.

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Diese Geschichte gibt es auch in dem Taschenbuch

Patricia Koelle
Feuertage
Erzählungen

Sperlich Verlag

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Ostern Osterei Marianne Schaefer
Osterei bemalt von Marianne Schaefer

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